Entdecken Sie in dieser Woche des 8. März, dem Internationalen Tag des Kampfes für die Rechte der Frauen, den Film Mustang, der erste Film von Deniz Gamze Ergüven. Ein kraftvoller Film, eine Hommage an die Weiblichkeit, an die Schwesternschaft, eine Ode an die Freiheit.

Mustang, Kinostart 2015, thematisiert die Stellung der Frauen in der Türkei. Die fiktive Geschichte ist inspiriert von realen Erlebnissen der Regisseurin, Deniz Gamze Ergüven, sowie von Mitgliedern ihrer Familie. Getragen wird das Werk von fünf Heldinnen: Fünf Schwestern voller Freude, Inbrunst und Träumen; jede von ihnen überwältigend schön. Gespielt werden sie von Güneş Nezihe Şensoy, İlayda Akdoğan, Tuğba Sunguroğlu, Elit İşcan und Doğa Zeynep.

Brutales Erwachsenwerden

Fotoauszug aus dem Film Mustang von Deniz Gamze Ergüven (2015).

Die Handlung beginnt im Frühsommer. In einem abgelegenen Dorf in der Türkei kommen fünf Schwestern von der Schule nach Hause und beginnen zu spielen. Mit Jungen, was einen Skandal mit ungeahnten Folgen für sie auslöst. Sie selbst genießen das Spiel: Sie alle gemeinsam baden im Meer, die fünf Schwestern klettern auf die Schultern der Jungen und haben eine unbeschwerte Zeit. Für ihre Großmutter und ihren Onkel, die Verkörperung des türkischen Patriarchats und Konservatismus, die für die fünf jungen Frauen verantwortlich sind, ist das Bild kein unbeschwertes. Ihrer Ansicht nach haben die Mädchen durch das körperliche “Reiben” mit den Knaben riskiert, ihre “Reinheit” zu verlieren und vor der Ehe “verunreinigt” zu werden. Daher schränken sie die Freiheit der Schwestern nach und nach ein. Das Elternhaus der Mädchen wird allmählich zum Gefängnis, Unterricht zu Hause ersetzt die Schule und ihre Ehen werden arrangiert. Doch die fünf Schwestern, alle getrieben vom selben Freiheitsdrang, trotzen den ihnen auferlegten Grenzen. Der/die Zuschauer/in wird Zeuge des Wandels im Leben dieser jungen Frauen von ihrer Unschuld zu einer brutalen Welt, in der ihre Zukunft fremdbestimmt wird.

Wie kann man Schwesternschaft besser darstellen? Fünf Frauen, fünf Schwestern, verbunden wie die Finger einer Hand. Sie teilen alles, bis sie durch ungewollte Heiraten voneinander getrennt werden. Zu schön. Zu frei. Zu sinnlich. Zu stolz. Als sie sich gegen diese Enge und Kontrolle auflehnen, erleiden einige harte Konsequenzen. Die empfundene Enge zeigt sich auch in ihrem materiellen Umfeld: Das ehemals lebensfrohe Haus verwandelt sich in ein Gefängnis, die Fenster sind vergittert, Zäune umgeben das Grundstück.

Die Stellung der Frauen in der Türkei

Die Türkei war hinsichtlich der Frauenrechte früher ein modernes Land. Zum Beispiel wurde 1934 das Frauenwahlrecht eingeführt, und 1983 wurde ein Gesetz verabschiedet, das Abtreibungen bis zur zehnten Schwangerschaftswoche erlaubte. Darüber hinaus proklamierte das 1926 verabschiedete Zivilgesetzbuch die Monogamie, gleiches Recht auf Scheidung, geteilte elterliche Autorität sowie gleiche Erbschaft.

Seit 2003, dem Jahr der Machtübernahme der AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi, Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung), der Partei von Recep Tayyip Erdoğan, hat das Patriarchat jedoch wieder an Boden gewonnen, und zwar durch einen Diskurs, der darauf zielt, Traditionen, Moral und sogar Religion zu stärken. 2012 bezeichnete Erdoğan Abtreibung als “Mord”. Darüber hinaus fordert die aktuelle Regierung, dass Haushalte drei Kinder haben sollen, um die Bevölkerung zu vergrößern und die Türkei zu den mächtigsten Volkswirtschaften der Welt zählen zu lassen. Diese Forderung führt dazu, dass die Rolle der Frauen abermals auf die Mutterschaft beschränkt wird. Diese Asymmetrie zwischen den Geschlechtern wird am 24. November 2014 von der Regierung bekräftigt: Staatspräsident Erdoğan verkündet, dass Frauen nicht als gleichberechtigt mit Männern angesehen werden können. Er beruft sich auf den Koran: “Unsere Religion hat einen Platz für Frauen in der Gesellschaft definiert: die Mutterschaft.” Ihm zufolge können Frauen und Männer nicht gleich behandelt werden, “weil es gegen die menschliche Natur ist”.

Das Ausmaß des türkischen Patriarchats wird auch durch die Zahlen zu geschlechtsspezifischer Gewalt in der Türkei verdeutlicht: 2014 wurden 53% aller ermordeten Frauen von ihren Ehemännern und 17% von einem anderen Familienmitglied umgebracht. Zwischen 2002 und 2009 wurden 4.063 Frauen ermordet aus Gründen der “Ehre”.

Mustang ist ein Film, der Zeugnis ablegt über den Status der Frauen in der heutigen türkischen Gesellschaft, eine Gesellschaft, die gespalten ist in Progressive und Konservative. Letztere haben sich in den letzten Jahren durchgesetzt. Der Film hinterfragt das türkische Verhältnis zur Sexualität und die Rückkehr des Konservatismus. Er beleuchtet, wie die Türkei, die im Bereich der Frauenrechte so weit voraus war, in einen Obskurantismus versinkt, der so weit reicht, dass er Frauen das Recht der Selbstbestimmung über ihren Körper abspricht.

Eine poetisch erzählte Geschichte

Fotoauszug aus dem Film Mustang von Deniz Gamze Ergüven (2015).

Trotz der Schwere des Themas und seiner politischen Bedeutung ist dieser Film von bestechender Poesie. Überwältigende Aufnahmen folgen aufeinander. In diesen verflechten sich die Körper und die langen braunen Haare der Heldinnen und verdeutlichen die Einheit und Solidarität der Schwestern im Angesicht aller Schwierigkeiten und Härten.

Der/die Zuschauer*in kann nicht anders, als sich mit diesen jungen Frauen anzufreunden, besonders mit Lale, der jüngsten der Schwestern, die anfangs gegenüber den anderen in den Hintergrund tritt. Durch Lale sehen wir, wie sich das Leben der jungen Frauen verändert, als ihre Schwestern sie eine nach der anderen verlassen müssen. Am Ende erweist sie sich als die Rebellischste der fünf Schwestern.

In Mustang filmt Deniz Gamze Ergüven ihre Darstellerinnen auf sehr  feinfühlige Art, in ihren Freuden, ihren Sorgen und ihrer Auflehnung. Ergüven wirft uns mitten in eine fesselnde, erschütternde und empörende Geschichte hinein. Sie veranschaulicht, was es bedeutet, in der heutigen Türkei eine Frau zu sein und somit einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, der zwischen progressiven Maßnahmen und patriarchalischem Konservatismus ausgehandelt wird. Im Kampf der fünf Schwestern kommt der Kampf aller Frauen zum Ausdruck, weit über die türkischen Landesgrenzen hinaus.

Fotoauszug aus dem Film Mustang von Deniz Gamze Ergüven (2015).

GROW kämpft für die Rechte und Freiheiten der Frauen und kann diesen Film daher nur empfehlen. In diesem Film werden wir von einer Flut von Emotionen erfasst, wir lächeln, wir lachen manchmal, wir bewundern, wir weinen. Wir verlassen den Kinosaal mit leuchtenden Augen und einem Lächeln im Gesicht, überwältigt von dem Wunsch zu leben und zu genießen. Wir wollen an eine Welt glauben, in der junge Mädchen nach der Schule frei mit ihren Freund*innen spielen können. Mustang macht seinem Namen alle Ehre: Er handelt von Schönheit, Stolz und vor allem: Freiheit.

Literaturverzeichnis

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Translated by Eike Hinrichsen

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