In seinem 2012 herausgekommenen Film Laurence Anyways thematisiert der kanadische Regisseur und Drehbuchautor Xavier Dolan das Coming Out einer Transidentität1. Es folgt die Geschichte eines Paares, Laurence und Fred, die von Melvil Poupaud und Suzanne Clément gespielt werden. Ihre leidenschaftliche Liebesgeschichte wird schnell auf die Probe gestellt, als Laurence sich als transgender Frau zu erkennen ergibt. Der Film zeigt uns, wie schwierig diese Entscheidung ist und wie viel Mut es erfordert, sich von der Zisnormativität2 zu lösen, angesichts einer unwissenden und verschlossenen Gesellschaft. Durch den Film folgen wir Laurences Weg zu ihrer wahren Identität und den Konsequenzen, die diese mit sich bringt.

Das Coming Out wird oft unbewusst mit der Offenbarung einer sexuellen Orientierung verbunden, die von der Heteronormativität3 abweicht. Es ist gleichzeitig die Ankündigung einer von der Norm abweichenden Geschlechtsidentität bzw. der Transidentität. Der Film, der in den 1990er Jahren spielt, veranschaulicht dies: Laurence erzählt allen ihre Verwandten, dass sie sich nie wirklich als Mann gefühlt hat. Sie sei Transgender-Frau und sie wolle die Transformation beginnen, das heißt ihr wahres Gender leben. Es geht um eine  sozial-gesellschaftliche Transformation – um die Anerkennung des Geschlechts und des Pronomen durch die Gesellschaft – und physisch– mit einer neuen Garderobe und weiblichen Hormonen. Eine Auseinandersetzung mit den Vorurteilen ihrer Umgebung und der Gesellschaft ist vorprogrammiert.

In dieser Empfehlung und auch im ersten Teil, der von Laurences Leben vor ihrem Coming-out handelt, wird das Pronomen “sie” verwendet. Denn auch wenn Laurence ihren Lieben noch nicht verkündet hat, dass sie eine transgender Frau ist, hat sie sich nie als Mann identifiziert, sodass “er” nicht angemessen wäre.

Der Beginn

Zu Beginn des Films verhält sich Laurence wie ein etwa 40-jährige zisgender Mann, für den das Leben bereits in der Gänze vorgezeichnet ist. Sie ist Lehrerin an einer Schule, verdient gut Geld, und sie hat eine sehr intensive Beziehung mit Fred. Allerdings fallen einige Details ins Auge und lassen vermuten, dass das Leben von Laurence vielleicht etwas komplexer ist, als es wirkt. Eine Szene zieht besonders die Aufmerksamkeit auf sich: Während des Unterrichts betrachtet sie die Haare ihrer Schülerinnen. Ihr Blick ist dabei sehr  eigen. Nicht Gier, sondern vielmehr die Inkarnation wird zum Ausdruck gebracht. Laurence möchte wie sie sein. Diese Szene wird von einem symbolischen Bild begleitet, das eine Art Einblick in den weiteren Verlauf der Geschichte ermöglicht: Als Laurence sich den Nacken berührt, sieht man, dass sie ihre Fingerspitzen mit Büroklammern geschmückt hat, sodass sie den Fingernägel einer Frau ähneln.

Der Identitätsfindungsprozess von Laurence wird nicht vollständig gezeigt, da es so intim ist, dass selbst der/die Zuschauer*in nicht an der Situation teilhaben kann. Insbesondere werden wir nie die Momente sehen, in denen sie heimlich «Frauenkleider» anprobiert, so dass die Offenbarung für uns so überraschend ist, wie für Laurences Verwandte.

Das Coming Out

Ein Coming Out erfolgt schrittweise und ist je nach Umgebung mehr oder weniger schwierig. Das zeigt auch Laurences. Die erste Person, der sie ihre Transidentität verkündigt, ist ihre Partnerin Fred. Sie versteht nicht und verwechselt Geschlechtsidentität mit sexueller Orientierung und denkt, dass Laurence homosexuell ist. Laurence empfindet die Verkündigung jedoch als Befreiung:

-”Das bin nicht ich, Fred. Ich lebe seit 35 Jahren so, und das ist ein Verbrechen. Und ich habe dieses Verbrechen auf dem Gewissen. Und ich bin ein Hund, das Leben dieser Person zu stehlen.”

– “Wem Laurence klaust du das Leben?”

– “Die, zu der ich geboren bin.”

Trotz des Schockes ist Fred neugierig: Sie stellt Fragen und denkt nach. Aber sie beginnt  ihr eigenes Leben zu rekapitulieren, obwohl es nicht um sie geht, sondern um Laurences Identität. Sie verbindet ihr Coming Out fälschlicherweise mit ihrer Beziehung, obwohl es nichts an dem ändert, was sie zusammen erlebt haben. Im Gegensatz dazu ist die Reaktion von Julienne, der Mutter Laurence ganz anders. Die Worte, die sie benutzt, sind roh, gleichgültig und persönlich, jedoch auf eine gewisse Art unterstützend:

“Du hast dich verkleidet, als du klein warst, ich dachte, du wärst bis zum äußersten eine schwule Sau […] Du solltest wissen, dass unsere Tür für dich verschlossen sein wird. Dein Vater akzeptiert dich nie als Frau.”

Sie sieht nicht überrascht aus. Sie stellt keine Fragen, was Laurence verwirrte. Diese Art von Reaktion ist auch heute noch sehr verbreitet, da viele Transgender von ihren Familien abgelehnt werden. Aber diese von Nathalie Baye dargestellte Mutter ohne Empathie, akzeptiert Laurence, wie sie ist:

  • “Ich hatte nie das Gefühl, dass du meine Mutter warst.”
  • “Ich nie das Gefühl, dass du mein Sohn warst. Für mich warst du mehr meine Tochter.”

Beide Szenen zeigen nicht wie Laurence zum ersten Mal sagt : “Ich bin eine transgender Frau”. Die Offenbarung wird nur angedeutet. Was die Zuschauer zu sehen bekommen ist der Moment der auf sie folgt: die Reaktionen.

Die Transformation

Nach einer Weile des Nachdenkens beschließt Fred schließlich, für Laurence da zu sein und sie bei ihrer Transformation und Veränderung des Geschlechtsausdrucks4 zu begleiten. Es ist ein langer und schwieriger Prozess, vor allem an öffentlichen Orten, wie der Schule, in der sie unterrichtet. Nach mehreren Versuchen gelingt es Laurence, sich ihren Schüler*innen in einer besonders kraftvollen Szene so zu präsentieren, wie sie ist. Der/die Zuschauer*in befindet sich am hinteren Teil der Klasse, als ob er/sie Laurence anstarrt. Es entsteht eine erdrückendes Stille im Raum, und nach ein paar Minuten hebt eine Schülerin die Hand. Wider Erwarten stellt sie eine Frage über den Kurs.  

Über den gesamten Film hinweg sehen wir die Transformation von Laurence, die körperliche Veränderungen durch Hormone und Elektrolyse5 sowie negative Reaktionen einiger Gesellschaftsmitglieder mit sich bringt. Letztere verursacht extreme psychische Gewalt, weil Laurence dadurch ihren Job verliert: Die Eltern von Schülern, die nicht akzeptieren, dass eine Transgender ihre Kinder unterrichtet, beschweren sich bei der Schule, in der Laurence arbeitet, und schreiben einen Artikel gegen sie, in dem sie erklären, dass Transidentität eine Geisteskrankheit ist, weil in den 90er Jahren die Transidentität als solche von der American Psychiatry Association bezeichnet wurde. Später wird sie auch Opfer eines körperlichen Angriffs. In einer Bar zieht Laurence den hartnäckigen Blick eines Mannes auf sich, dem aufgefallen war, dass sie einen Ohrring trug. Am Ende streitet sie sich mit ihm und kommt aus der Bar – mit blutbeflecktem Gesicht.

Laurence muss auch die indiskreten Fragen einer Kellnerin ertragen, als sie mit Fred im Restaurant ist. Fred macht die Unanständigkeit der Frau wütend und sie fängt an zu schreien: “Hast du schon mal deinem Freund eine Perücke gekauft, ja? Hattest du schon mal Angst, dass er zusammengeschlagen wird, wenn er auf die Straße geht? Und du ihn nicht in einem Stück wieder kriegst? Lebst du mein Leben? Nein, nein. Ich erlaube dir nicht, in unser Leben einzutreten und Fragen zu stellen.” Und obwohl Fred versucht, Laurence zu unterstützen, wird ihre Beziehung nicht wieder wie vorher. Die beiden Frauen finden sich wieder, trennen sich. Es gelingt ihnen nicht sich gegenseitig vollständig zu verstehen. Fred ist in Laurence verliebt, akzeptiert aber ihre Transidentität nicht. Sie kümmert sich zu sehr um die Blicke der anderen und will nicht “ihr Leben verlieren”, damit Laurence sich findet, trotz der Liebe, die sie zu ihr empfindet.

Die Meinung der Autorin

Der Film beschreibt das Coming Out sehr gelungen. Er zeigt die Diskussionen, Konsequenzen und Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Laurence Anyways ist eine beeindruckende Poesie, eine sanfte Brutalität, die durch ihre Ästhetik und die Authentizität der Gefühle, die übertragen werden, die Geister prägt. Allerdings bietet der Film eine halbscharfen Darstellung der Transidentität, und das Fehlen von echten Transgendern im Film – was in der Welt des Kinos normal ist – ist problematisch. Tatsächlich ist Melvil Poupaud, der Laurence verkörpert, ein zisgender Mann. Er spielt aber die Rolle einer transgender Frau. Diese Entscheidung ist zu kritisieren, denn wir müssen heute versuchen, den Menschen, die in dieser transphobischen Industrie tätig sind, mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Zu wenig zeigt der Film auch die Herausforderungen der Transidentität und insbesondere die damit einhergehende starke körperlichen Veränderungen. Weiße, heterosexuelle und zisgender Männer sind aufgrund ihrer dominierenden Stellung in der Gesellschaft nicht ständig mit ihrer Körperlichkeit verbunden und müssen sich auch nicht darum kümmern, da sie nicht tagtäglich unter der Gewalt leiden, der Frauen und  LGBTQIA+-Menschen oder behinderte Personen ausgesetzt sind. Minderheiten werden ständig auf ihre  physische Erscheinung im öffentlichen Raum reduziert. Laurence verändert drastisch ihre Ausdrucksform, und der soziale Schock, der dadurch hervorgerufen wird, hätte in dem Film besser verarbeitet werden können.

Translated by Eike Hinrichsen.

References
1 Das Geschlecht einer Person stimmt nicht mit ihrer Geschlechtsidentität überein (das Geschlecht, mit dem sich eine Person identifiziert. Es kann sich vom biologischen Geschlecht unterscheiden und ist nicht unbedingt binär Mann/Frau, sondern bewegt sich in einem Spektrum).
2 System, in dem das Zisgenderssein für die Norm gehalten wird.
3 System, das Heterosexualität als die natürliche, universelle und einzig legitime Norm darstellt. Es basiert auf einer angeblichen Dualität der Geschlechter und Komplementarität der sexuellen Wünsche von Männern und Frauen.
4 Art, ihr/sein Geschlecht auszudrücken (Kleidung, Haare, Verhalten . . . ). Eine transgender Mensch, der nicht “out” ist, kann einen anderen Ausdruck des Geschlechts als seine Geschlechtsidentität haben.
5 Endgültige Haarentfernung, die darin besteht, eine kleine elektrische Entladung mit einer Nadel in die Haarwölbung zu senden, um das Nachwachsen zu verhindern.

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