Mona Chollet ist französische Essayistin und Journalistin bei Le Monde Diplomatique. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Stellung der Frau, dem Feminismus, Medien und zeitgenössischen Vorstellungen. Sie verfasste Fatale Schönheit: die neuen Gesichter der weiblichen Verfremdung (Beauté Fatale : les nouveaux visages d’une aliénation féminine) (2015) und Zuhause: eine Odyssee des privaten Raums (Chez soi : une odyssée de l’espace domestique) (2015).

Als Gegenstand vieler Fantasien ist die Hexe eine sehr zweideutige Figur. Sie verkörpert, nach Mona Chollet, mal die “Frau, die von allen Herrschaften losgelöscht ist”, mal die “schlimmste aller Schanden.” Von Schneewittchen zu Buffy – Im Bann der Dämonen, über Charmed – Zauberhafte Hexen oder Harry Potter, die Vorstellung von Hexen nährt die Popkultur. Es wäre jedoch falsch, sie nur als ein banales Geschöpf der Folklore zu betrachten: Dieser Mythos, der im Wesentlichen im 15. Jahrhundert geprägt wurde, hat Zehntausende unschuldiger Mädchen auf den Scheiterhaufen getrieben. Alten Geschichte denken Sie?

Gerade nicht. Mona Chollet erinnert daran, dass die Hexe immer noch da ist – tief in unserer kollektiven Vorstellunge verwurzelt. Diese archetypische Figur ist ursprünglich einer sehr männlichen Auffassung vom Weiblichen: Die Hexe ist, was die Frau nicht sein darf. Ob Single oder Witwe, sie entzieht sich der Kontrolle des Mannes.  Kinderlos ist sie widernatürlich. Aber sie ist auch an ihren Falten und ihren grauen Haaren erkennbar; das Alter ist für eine Frau gleichbedeutend mit Scham und Misstrauen. Und wenn sie es wagt, sich mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten in das Feld der Männer einzumischen, dann ist sie wieder eine Hexe. Die Hexe ist der “hinausragende weibliche Kopf”, der es wagt, eine “untragbare Selbstsicherheit” zu zeigen, und der den Männern Angst einjagt.

Folklorisierte, trivialisierte Geschichten von Hexenjagden erinnern an den mittelalterlichen Obskurantismus einer anderen Zeit. Dabei wird jedoch vergessen, dass die Hexe “ein Opfer der Modernen und nicht des Altertums” ist, dass sie das Produkt der Renaissance und der Moderne ist, des Aufkommens einer “rationalen” Wissenschaft und eines “hyper-maskulinisierten Modells des Wissens”. Denn die “wissenschaftliche” und betriebswirtschaftliche Ausbeutung der Natur ging Hand in Hand mit der Versklavung der Frauen. Und in vielerlei Hinsicht ist dieses Erbe in die DNA unserer heutigen Gesellschaften eingebettet.

Aber die Hexe ist auch eine subversive, unruhestiftende Figur. Sie verkörpert die starke Frau: rebellisch, unbeugsam, gelehrt, “sie ist ein anzustrebendes Ideal, sie zeigt den Weg”. Wie viele feministische Bewegungen seit den späten 1960er Jahren fordert auch Mona Chollet die Rehabilitierung der Hexe, ihre Positionierung als feministische Ikone. Das Buch beginnt mit einem Auszug aus dem WITCH-Manifest (der Bewegung “Women’s International Terrorist Conspiracy from Hell”, die 1968 in den Vereinigten Staaten entstand).

“Es besteht keine Notwendigkeit, WITCH beizutreten. Wenn Sie eine Frau sind und es wagen, in ihr Inneres zu schauen, dann sind Sie eine Hexe.”

Doch obwohl der Mythos der Hexe in Chollets Werk eine wichtige Rolle spielt, ist dies wahrscheinlich nicht der Hauptschwerpunkt. Die Autorin setzt sich vor allem intensiv mit den gesellschaftlichen und normativen Vorgaben auseinander, die permanent auf Frauen lasten. Sie dekonstruiert akribisch die vom Patriarchat auferlegte weibliche Identität.

Dabei steht zuvorderst die Aufforderung, sich selbst hinzugeben. Es wird alles dafür getan, dass Frauen von klein auf “die Überzeugung verinnerlichen, dass ihr Lebensgrund darin besteht, anderen zu dienen” und jeden Wunsch nach Unabhängigkeit verdrängen. Junge Mädchen werden dazu erzogen, “um jeden Preis emotionale Sicherheit zu suchen”, niemals an ihre eigene Stärke zu glauben und “Ehe und Familie als die wesentlichen Elemente ihrer persönlichen Erfüllung zu betrachten”, und sie werden darauf formatiert, die sexuelle Arbeitsteilung ohne Frage zu akzeptieren. Und wenn sie es wagen, Autonomie zu beanspruchen, “wird eine Kriegsmaschinerie in Gang gesetzt, um sie durch Erpressung, Einschüchterung oder Drohungen dazu zu bringen, sie aufzugeben”. Frauen werden also aufgefordert, beiseite zu treten, zu “unscheinbaren Frauen” zu werden, die niederen Berufen nachgehen und sich ganz der Ehe und Mutterschaft widmen.

Die Verpflichtung zur Mutterschaft ist das Thema des zweiten Teils des Buches. In ihm wird Mona Chollet vermutlich am härtesten, indem sie mit Präzision die Quellen der “institutionellen Gewalt der patriarchalen Mutterschaft” beschreibt, die eine Frau als letzten Ausweg zum Kindermord treiben kann. Diese ultimative Abscheulichkeit ist notwendigerweise die Tat eines Monsters – eine bequeme Erklärung, die es überflüssig macht, über die extreme Gewalt nachzudenken, die eine Frau erlitten haben muss, um an diesen Punkt zu kommen. Die Autorin greift auch das pseudowissenschaftliche Argument des biologischen Determinismus als “Beweis” dafür an, dass Frauen “darauf programmiert sind, Mütter sein zu wollen”, und greift damit die “Pro-Life”-Bewegungen an. Schließlich spricht sie das Bedauern an, das die Mutterschaft manchmal hervorruft – ein Tabuthema, das sie als “Zone des Nicht-Denkens” beschreibt.

Im dritten Kapitel, “L’ivresse des Cimes” (Die Trunkenheit der Spitzen), behandelt Mona Chollet die Qual des Alters für Frauen, ein weiteres großes gesellschaftliches Tabu. Denn es ist unbestreitbar, dass das Altern Frauen und Männer nicht auf die gleiche Weise betrifft. Doch wie Carrie Fisher (von Chollet zitiert) sagte, “Männer altern nicht besser als Frauen, sie dürfen bloß altern”. Und dieses “Verbot” des Alterns für Frauen ist keine Einbildung: Denken Sie an die mit dem Alter sinkenden Gehälter von Schauspielerinnen, an die Ausgrenzung älterer Frauen (auch in feministischen Kreisen) oder an die Altersunterschiede innerhalb von Paaren. Frauen werden so mit der Bedrohung ihrer “Obsoleszenz” und der Angst vor “programmierter Obsoleszenz” konfrontiert.

Anhand zahlreicher Zeitschriften, Serien und Filme zeigt die Autorin, wie sehr die Aufforderung, jung zu bleiben, selbst in den Disney-Klassikern omnipräsent ist. Chollet zitiert Kristen J. Sollee und erinnert uns daran, dass Filme wie Schneewittchen oder Dornröschen “einen Generationenkonflikt zwischen alten Hexen und jungen Schönheiten zeigen und damit den Wert einer Frau auf ihre Fruchtbarkeit und Jugend stützen – niemals auf hart erarbeitete Weisheit.” Denn wenn der alternde weibliche Körper “echte Abscheu” hervorruft, ist auch die Erfahrung ebenso disqualifizierend. Ältere Frauen wurden in der Zeit der Hexenverfolgung besonders ins Visier genommen, weil sie “ein unerträgliches Selbstbewusstsein zeigten”. Allerdings haben sich seit dem die Mentalitäten weniger geändert, als wir glauben würden.

Der letzte Teil des Buches nimmt die in der Einleitung aufgestellte These wieder auf: In einer feministischen Lesart der Geschichte zeigt die Autorin, dass die Hexenverfolgungen symptomatisch für einen tiefgreifenden philosophischen und gesellschaftlichen Umbruch waren. Denn im Namen der “Vernunft” wurden Hexen gejagt (mehr noch als im Namen der Religion); die Vernunft, bspw. verkörpert durch Descartes, der postulierte, der Mensch solle sich zum “Herrn und Besitzer der Natur” machen (Descartes, Diskurs über die Methode, zitiert von Chollet). Er hätte auch “und Frauen” hinzufügen können.

Mona Chollet erforscht ausführlich die Zusammenhänge zwischen der Rationalität, der Beherrschung der Natur und der Unterdrückung der Frauen. Die Worte der ökofeministischen Philosophin Carolyn Merchant (zitiert von Chollet) sind in diesbezüglich am deutlichsten.

“Die Hexe, ein Symbol für die Gewalt der Natur, entfesselte Stürme, verursachte Krankheiten, zerstörte Ernten, verhinderte die Zeugung und tötete kleine Kinder. Die Frau, die Unordnung verursachte, wie die chaotische Natur, musste unter Kontrolle gebracht werden.”

Frauen, die als irrational, emotional und chaotisch galten, wurden auch von der modernen Wissenschaft ausgeschlossen, einem Gebiet, das im Grunde nur männlich sein konnte. “Die Begründer der modernen Wissenschaft […] assoziierten Männlichkeit mit einer saubereren, reineren, objektiveren und disziplinierteren epistemologischen Beziehung zur Welt.” (Susan Dordo, zitiert von Chollet). Es wird also nicht überraschen, wie die Wissenschaft und insbesondere die Medizin dazu diente (und immer noch dient), die Körper der Frauen zu kontrollieren, deren Organe im Übrigen “mit männlichen Namen besetzt sind” (Florence Montreynaud, zitiert von Chollet).

Mona Chollet zieht damit eine sehr kritische Bilanz über die heutigen Stellung der Frau. Trotz jahrzehntelangen Kampfes und einiger bedeutender Siege bleibt noch viel zu tun, um die aus der Zeit der Hexenverfolgung übernommenen Muster zu dekonstruieren. Diese Beobachtung könnte natürlich entmutigend sein, aber der Humor, der bissige Ton und der Elan der Autorin sind im Gegenteil ermutigend. Chollet gelingt es, die Widersprüche und die Absurdität einer Gesellschaftsordnung aufzuzeigen, die am Ende recht brüchig erscheint. Insgesamt ist der Inhalt des Buchs sehr engagiert und deutlich in seinen Aussagen. Zudem liefert es solide Schlüssel, für die Beendigung der Entfremdung der Frauen durch die gesellschaftlichen Zwänge. Zu bedauern ist jedoch das Fehlen eines klaren roten Fadens in diesem Buch, wodurch die Darlegungen manchmal abgeschwächt werden. Auch einige offensichtlichen Aussagen, die die Autorin hätte vermeiden können, schwächen ihre Argumente. Manche Verweise und Quellen sind zudem kritikwürdig, werden aber durch die immense Recherchearbeit von Mona Chollet weitgehend kompensiert.

Translated by Eike Hinrichsen.

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