Feminismus für die 99%: Ein Manifest wurde 2009 von dem Verlag La Découverte veröffentlicht.  Es wurde von der Italienerin Cinzia Arruzza, der Amerikanerin Nancy Fraser und der Inderin Tithi Bhattacharya verfasst. Alle drei sind Professorinnen an amerikanischen Universitäten und forschen über Feminismus, Philosophie, Sozialismus und Marxismus. Das Buch wurde von Max Henninger aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Feminismus für die 99% versteht sich als internationales Manifest, das nach dem Vorbild des Manifests der Kommunistischen Partei von Marx und Engels für einen antikapitalistischen Feminismus steht, der nicht nur eine privilegierte Elite vertritt.

“In Ablehnung des Nullsummenspiels, das der Kapitalismus für uns konstruiert, zielt der Feminismus für die 99 Prozent darauf ab, bestehende und zukünftige Bewegungen zu einem breit angelegten globalen Aufstand zu vereinen. Bewaffnet mit einer Vision, die zugleich feministisch, antirassistisch und antikapitalistisch ist, verpflichten wir uns, eine wichtige Rolle bei der Gestaltung unserer Zukunft zu spielen.”1(S. 57) 

Eine Kritik des liberalen Feminismus

Die Autorinnen stehen dem liberalen Feminismus, als Feminismus der Eliten und des Klassensystems, sehr kritisch gegenüber. Dieser gäbe sich damit zufrieden, Frauen für ihre Unabhängigkeit den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erstreiten. Diese rein wirtschaftliche Sichtweise übersieht viele andere (z.B. soziale, politische) Faktoren, die für die Gleichstellung der Geschlechter notwendig sind und  kämpft zudem nicht für alle Frauen. Im Gegenteil, der liberale Feminismus konzentriert sich lediglich auf eine Handvoll Frauen, die aufgrund ihrer sozialen Klasse, ihrer nationalen Zugehörigkeit und ihrer Hautfarbe bereits privilegiert sind.

Dieser Feminismus richtet sich beispielsweise an weibliche Führungskräfte, die vom Neoliberalismus profitieren, und zwar auf Kosten der Mehrheit der anderen Frauen, insbesondere der armen, eingewanderten und nicht-weißen Frauen. Letztere arbeiten unter schlechten Bedingungen für ebendiese erfolgreichen Frauen. Sie kümmern sich um die Erziehung der Kinder sowie den Haushalt und übernehmen so die Sorgearbeit der anderen Frauen. Auf diese Weise reproduziert der liberale Feminismus die Ungleichheiten, der vorherrschenden Ideologie, obwohl diese viele Frauen benachteiligt. Im Grunde fordere der liberale Feminismus eine “Chancengleichheit zu dominieren”2 (S. 2), so die Manifest-Autorinnen. D. h. der Feminismus will, dass die Frauen ihre armen Angestellten beherrschen und sich unter Verachtung der übrigen Bevölkerung bereichern können, wie es die männlichen Unternehmer tun.

Es ist eine gute Sache, für Frauen den gleichen Lohn wie Männer zu fordern, aber selbst wenn sie erreicht würde, blieben arme Arbeiterinnen in einer ebenso schlechten Lage wie arme Arbeiter.

“Wir haben kein Interesse daran, die gläserne Decke zu durchbrechen und dann der Mehrheit das Aufräumen der Scherben zu überlassen.”3 (S. 13)

Wer sind die 99%? 

Der Titel des Buches bezieht sich auf den Slogan “We are the 99%”, der von der “Occupy Wall Street”-Demonstrationen gegen den Kapitalismus im Jahre 2011 stamm, und die Ungleichheit zwischen der Elite (1%) und dem Rest der Bevölkerung (99%) hervorheben soll. Das 1% symbolisiert die reichsten Frauen, denen der liberale Feminismus auf Kosten der Mehrheit der Frauen zugute kommt. Die 99% stehen für diejenigen, die den von den Verfasserinnen verteidigten Feminismus vertreten. Sie zeigen eine besondere Solidarität mit Frauen, die von anderen Machtsystemen als dem Geschlecht unterdrückt werden: nicht-weißen Frauen, arme Frauen, lesbische Frauen, transgender Frauen, indigene Frauen, behinderte Frauen, Migrantinnen usw. Das Manifest ruft daher ganz klar zum Zusammenschluss der Kämpfe auf.

“Feminismus für die 99%” kämpft gegen die Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, die dem neoliberalen Wirtschaftssystem innewohnen. Es argumentiert, dass der Feminismus sich solidarisch mit anderen Kämpfen zeigen müsse, insbesondere mit dem Kampf gegen den Kapitalismus, den Antirassismus und den Umweltschutz.

“Entschlossen, die innige Allianz des liberalen Feminismus mit dem Finanzkapital aufzubrechen, schlugen wir einen anderen Feminismus vor, einen Feminismus für die 99 Prozent”4 (S. 62)

Für einen antikapitalistischen Feminismus

Die Autorinnen argumentieren für einen gemeinsamen Feind gegen Frauen und ausgegrenzte Menschen: den Kapitalismus. Dieser ist in seinem Kern ungleich, da er die Frauen versklavt. Der Kapitalismus ist die Ursache aller Probleme: zunehmende Ungleichheit, Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, Verlust von Arbeitsplätzen usw. Die Autorinnen plädieren für den Streik als Druckmittel, wobei sie insbesondere auf den internationalen Frauenstreik vom 8. März und verschiedene transnationale Frauenbewegungen z. B. aus Lateinamerika hinweisen.

Der Feminismus für die 99% muss die Wurzeln der Ungleichheit radikal angreifen und dafür das System als Ganzes in Frage stellen, d. h. das Patriarchat, aber auch den Kapitalismus. Der Feminismus für die 99% muss antikapitalistisch und antineoliberal sein, da das gegenwärtige Wirtschaftssystem die Unterdrückung und Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verstärkt. Um dem liberalen Feminismus entgegenzuwirken, der nur den Herrschenden dient, ist es wichtig, eine antikapitalistische Geschlechtergerechtigkeit und einen intersektionellen Feminismus zu entwickeln.

QUELLENVERZEICHNIS

LORRIAUX, A. (2019). “Féminisme pour les 99%”, le manifeste qui veut un féminisme pour toutes. Slate. [online] 10 May. Available at: http://www.slate.fr/story/176061/manifeste-feminisme-99-liberalisme-capitalisme-egalite [Accessed 05 Dec. 2020].

LORRIAUX, A., EL MOADDEM, N. & KIRSCHEN, M. (2019). Le deuxième texte : “Féminisme pour les 99%”, de Cinzia Arruzza, Tithia Bhattacharya et Nancy Fraser [Podcast]. 6 May.

Translated by Naomi Ouattara.

1 Anmerkung der Übersetzerin: Frei übersetzt aus dem Original  “Rejecting the zero-sum framework capitalism constructs for us, feminism for the 99 percent aims to unite existing and future movements into a broad-based global insurgency. Armed with a vision that is at once feminist, anti-racist, and anticapitalist, we pledge to play a major role in shaping our future.”
2 Anmerkung der Übersetzerin: Frei übersetzt aus dem Original  “equal opportunity domination”.
3 Anmerkung der Übersetzerin: Frei übersetzt aus dem Original “We have no interest in breaking the glass ceiling while leaving the majority to clean up the shards.”
4 Anmerkung der Übersetzerin: Frei übersetzt aus dem Original “Determined to break up liberal feminism’s cozy alliance with finance capital, we proposed another feminism, a feminism for the 99 percent.”

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