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“Mobbing”, ein Wort, von dem Sie bestimmt oft hören. In der Schule, auf der Arbeit, auf der Straße, im Internet. Das Wort scheint sich in all unsere Lebensbereiche eingeschlichen zu haben. Völlig unbemerkt. Wir leben in einer Welt, in der die Gleichförmigkeit hochgehalten und Verschiedenheit abgelehnt wird. Es ist ein Problem, das man nicht sieht und von dem man deshalb glauben könnte, es existiere nicht. Daher ist es wichtig, sich mit diesem allgegenwärtigen Phänomen auseinanderzusetzen und genau hinzuschauen.

Wir leben in einer neoliberalen Gesellschaft. Der Neoliberalismus kann als etwas erscheinen, das schwer zu definieren und zu verstehen ist. Er ist gekennzeichnet durch eine Legitimierung des Aufstiegs großer multinationaler Unternehmen, insbesondere im Zusammenhang mit der Globalisierung unserer Volkswirtschaften. Der Neoliberalismus ist der Ursprung der wirtschaftlichen Deregulierung, verbunden mit einem feindseligen und skeptischen Diskurs über die Regulierung der Aktivitäten von Marktteilnehmern und sozioökonomischen Ungleichheiten zwischen Individuen. Außerdem ist er feindselig gegenüber dem Staat und den öffentlichen Behörden. In der neoliberalen Gesellschaft sind wir alle ständig auf der Suche nach Leistung und Effizienz. Wir evaluieren uns ständig gegenseitig. Diese Bewertung führt zu einer Sicht auf andere, die überfüllt ist mit Urteilen und Prioritäten. Der Konformismus ist König und auf alles, das anders ist, wird mit dem Finger gezeigt. Diese Ausgrenzung von Unterschieden ist eine der Ursachen für Mobbing.

Mobbing ist die Wiederholung von Worten und Handlungen, die schädliche Folgen, sowohl physisch als auch psychisch, auf das Opfer haben. Es ist eine Form der Gewalt, die unsichtbar und schwer vorhersehbar ist. Moralische Belästigung äußert sich durch wiederholte Handlungen, die den Zweck oder die Wirkung haben, Rechte und Würde zu verletzen, die körperliche und/oder geistige Gesundheit zu beeinträchtigen oder die soziale und berufliche Zukunft zu gefährden. Die Definition scheint klar zu sein. In Wirklichkeit ist es jedoch schwierig, Mobbing zu nachzuweisen, selbst wenn es sehr schwerwiegende Folgen für das Opfer hat. Das Gesetz macht keine Unterschiede hinsichtlich der Art der Beziehung zwischen Täter und Opfer oder bezüglich des Umfelds, in dem die Belästigung stattfindet. Ob sie innerhalb eines Paares, zwischen Kolleg*innen, Nachbar*innen, Studierenden oder anderen passiert, Belästigungen sind in allen Situationen verwerflich. Die Strafe wird je nach Ausmaß und Häufigkeit der Belästigung festgelegt. Obwohl nationale und internationale Institutionen gegen Mobbing kämpfen, ist diese Form der Gewalt nach wie vor weit verbreitet, da sie unsichtbar ist. Deshalb ist es wichtig, die Ursachen dieser Schikanen und den Einfluss des Neoliberalismus auf diese Mechanismen zu erklären.

Dieser Artikel bezieht sich beispielhaft hauptsächlich auf das französische Recht. Frankreich steht im Kampf gegen Belästigungen niemandem nach, auch wenn es natürlich immer Raum für Verbesserungen gibt.

Mobbing im Zentrum der zweite Sozialisierung in der Schule: die Tyrannei des Konformismus

Mobbing in der Schule, eine unerkannte soziale Gewalt

Mobbing beginnt schon in jungen Jahren. Eine der am weitesten verbreiteten und schädlichsten Formen des Mobbing ist das in den Schulen. “Ungefähr einer von zehn Schülern hat (…) zumindest leichte Probleme mit Mobbing, während etwas mehr als einer von 20 Schülern als in besorgniserregender Weise gemobbt angesehen werden kann.”1

Laut UNICEF kommt es an Schulen zu Mobbing, “wenn ein Kind wiederholt von einem oder mehreren Schüler*innen kritisiert, beleidigt, beschimpft, geschlagen und Gewalt angetan wird”2. Es sei darauf hingewiesen, dass von Mobbing auch dann die Rede ist, wenn diese Art von Verhalten von einem Mitglied des Lehrkörpers an einem/r Schüler*in vorgenommen wird. Mobbing in der Schule kann schwerwiegende Auswirkungen auf betroffene Kinder haben. Sie kann lebenslange Probleme und Schulphobien auslösen und diese Kinder sogar in den Selbstmord treiben. Laut Eric Debarbieux, einem französischen Pädagogen, handelt es sich bei den Mechanismen des Schulmobbings bloß um sogenannte “gewöhnliche” Formen der Gewalt, die jedoch berücksichtigt werden sollten. Die Gefährlichkeit und die Folgen dieser “Mikro-Gewalttaten” ergeben sich aus ihrer Wiederholung. Sie beeinträchtigen die psychische Gesundheit der betroffenen Schülerinnen und Schüler und führen manchmal zu Depressionen und sogar Selbstmordversuchen. Sie führen auch zu einer negativen Meinung über die Schule sowie zu Fehlzeiten, mangelndem Vertrauen in das Lehrpersonal und schlechten Leistungen. Für Patricia Mercader und Jean-Pierre Durif-Varembont ist Mobbing Gewalt durch Gleichaltrige, da es sich bei Mobbing um eine Reihe von Verhaltensweisen zwischen Teenagern handelt. Zu den Verhaltensweisen, die mit Mobbing einhergehen, gehören “alltägliches, harmloses Verhalten, Gespräche, Witze, Schubsen und Schieben, Paraden und Stierkämpfe, die auf Spielplätzen, in den Gängen und in der Schulkantine stattfinden”3. Die “Banalität” dieser Verhaltensweisen und Formen gewöhnlicher Gewalt führt dazu, dass die Schülerinnen und Schüler, die ihnen zum Opfer fallen, sie nicht als Gewalt interpretieren und somit auch nicht anprangern.

Die Internationale Konvention über die Rechte des Kindes stellt sicher, dass “die Vertragsstaaten alle geeigneten Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass das Kind wirksam vor allen Formen der Diskriminierung geschützt wird (…); um dem Kind den Schutz und die Fürsorge zu gewährleisten, die für sein Wohlergehen notwendig sind (…)”4. In der Praxis fällt es Schulen, Lehrer*innen und Eltern schwer, Mobbing zu erkennen, sie bemerken die Anzeichen nicht und handeln oft zu spät. Die Frage der Bestrafung ist auch deshalb komplex, weil, obwohl die Belästigung sehr schwerwiegende Auswirkungen auf die Opfer hat, die Täter minderjährig, manchmal sehr jung sind. Diese Art der Belästigung ist in Frankreich dennoch ein Straftatbestand. Jede/r erwachsene Schüler*in, Lehrer*in oder Mitarbeiter*in, der eine/n Schüler*in über 15 Jahren moralisch belästigt, riskiert ein Jahr Gefängnis und eine Geldstrafe von 15.000 Euro5. Wenn der oder die Mobbende minderjährig ist, sind die Strafen natürlich weniger streng. Wenn der oder die Täter*in unter 13 Jahre alt ist, muss er oder sie mit erzieherischen Maßnahmen oder Sanktionen für jugendliche Straftäter*innen rechnen. Letztendlich bleiben jedoch die Eltern zivilrechtlich für den verursachten Schaden verantwortlich. Aber wie lässt sich das bewerkstelligen?

Zwischen Spiel, Witz und Gewalt: missverstandene Umgangsformen der Jugendlichen 

Der Altersunterschied und die Fehlinterpretation des Verhaltens von Schülern durch Erwachsene sind Schlüsselelemente, um zu verstehen, warum Mobbing in der Schule so schwer zu erkennen ist. Erwachsene neigen dazu, Formen des Mobbing als Spiel zu betrachten, “eine Art, Teil dieser Gruppe zu sein.”6 Diese Verhaltensweisen, die banalisiert werden, als seien sie jugendlich-spezifische Kommunikationswege, sind in Wirklichkeit Gewalt und Hetze. Gewaltakte zwischen einem Mitglied einer Gruppe an einer Person einer Fremdgruppe7 sind im allgemeinen leichter zu erkennen als solche zwischen zwei Mitgliedern derselben Gruppe. Diese Verwechslung zwischen den in der Jugendkultur üblichen Gesten und Einstellungen und denen, die Gewalt darstellen, erschwert es, Mobbing vorzubeugen und zu melden. Diese Unklarheit zeigt, wie wichtig es ist, die Mechanismen und Prozesse zu verstehen, die zu Mobbing führen und dazu aufstacheln. Die sozialen Codes der Jugendlichen bilden sich in Reaktion auf die Peer-Group. Ein Teenager übernimmt die Codes dieser Gruppe und verinnerlicht sie. Jugendliche halten sich an diese Codes, um dazuzugehören. Sie gleichen charakteristische Identitätselemente wie Kleidung oder Sprache der Gruppe an. Diese eigene Sprache vertieft das Unverständnis zwischen Studierenden und Lehrenden noch. Letztere erkennen sich nicht in den Sprachentwicklungen wieder, die die Kriterien der Normalität verändern und eine Banalisierung der Gewalt mit sich bringen. So können die Lehrenden auch wegen bestimmter Beleidigungen, die von den Schüler*innen als Witz oder affektiver Spott verstanden werden, brüskiert sein.

Die Sozialisierung in Gruppen Gleichaltriger: die Plage der Konformität

Gruppen Gleichaltriger sind ein zentrales Element der Sozialisation. Sie erzeugen eine spezifische Kultur, die Werte hervorbringt, die sich von denen unterscheiden, die von der Schule oder der Familie geschaffen werden. Diese Gruppen-Sozialisation ist komplex, weil sich der/die Jugendliche einerseits unter dem Einfluss der Gruppe befindet und die Konformität als Erleichterung empfindet. Andererseits übt er/sie auch Widerstand gegen die Gruppe und die Konformität aus8.

Es wäre falsch zu glauben, dass die Schule ein Ort der vollkommenen Gleichheit zwischen den Schüler*innen ist oder dass Hierarchisierung nur in der Arbeitswelt stattfindet. Die Hierarchie unter Gleichaltrigen beginnt in der Schule und stellt eine symbolische Gewalt im Zentrum des Mobbings dar. Es geht um eine scharfe Klassifizierung zwischen Schülerinnen und Schülern, die sich ständig gegenseitig nach bestimmten Kriterien bewerten. Diese Kriterien sind die Einhaltung bestimmter ästhetischer, wirtschaftlicher, intellektueller oder Verhaltensnormen. Auch diese Standards entwickeln sich ständig weiter9. Diesen sich wandelnden Normen zu entsprechen erfordert eine kontinuierliche Anstrengung. Obwohl einige Jugendliche diesem Konformismus kritisch gegenüberstehen und nach ihrer Individualität streben, bedeutet die Nichterfüllung dieser Kriterien in der Regel schwere soziale Sanktionen, die von außen nicht wahrgenommen werden10.

Gewalt zwischen Heranwachsenden erzeugt soziale Kontrolle zwischen ihnen durch Bemerkungen, Beleidigungen oder Stigmata. Es geht um die Kontrolle der eigenen Einstellung, des Verhaltens und der Beziehung zu anderen. Die Normalisierung des Verhaltens von Gleichaltrigen ist ein Aufruf zur Ordnung für andere. Sie gewährt das Funktionieren der Gruppe und hält eine gewisse Spannung aufrecht. Diese Kontrolle gewährleistet die Sicherheit des Ranges, den die Gruppe in der festgelegten Hierarchie einnimmt. Diese Hierarchie ist besonders bei Mädchen weit verbreitet, denen ein starker Wettbewerbsgeist beigebracht wird, der den Geschlechterstereotypen entspricht. Diese soziale Gewalt wird oft durch die Verpflichtung überdeckt, Bemerkungen und Beleidigungen mit Humor aufzunehmen: “Man muss lachen, um sich von dem immer bedrohlicher werdenden Stigma zu befreien”. Man muss die soziale Kontrolle und die daraus resultierenden Herrschaftsverhältnisse zu akzeptieren11.

Cybermobbing: wenn der Hass keine Grenzen kennt

Mit der Ausbreitung der sozialen Netzwerke hat die Belästigung ein neues Medium gefunden. Mehr denn je werden wir in allen Altersgruppen, aber auch überall und ständig belästigt. Cyber-Mobbing wird definiert als Belästigung, “die durch die Nutzung eines Kommunikationsdienstes öffentlich oder über ein digitales oder elektronisches Medium begangen wird”12. Belästigung hat nach französischem Recht den Status einer Straftat. Wenn jemand Opfer eines solchen Verhaltens wird, kann er oder sie den Rückzug der Publikationen durch seinen Autor oder die genutzte Plattform verlangen. Wieder einmal scheint Frankreich fortschrittlich zu sein. Im Juni 2020 wurde ein Gesetz zur Bekämpfung von Hassbotschaften im Internet verabschiedet. Das Gesetz wird jedoch nicht einstimmig unterstützt, da einige befürchten, dass die Meinungsfreiheit im Internet eingeschränkt wird. 

Wie jede Form des Mobbings besteht Cybermobbing aus wiederholten Demütigungen, Einschüchterungen, der Verbreitung von Gerüchten, Beleidigungen, Drohungen, verleumderischen Bemerkungen usw. Die Veröffentlichung eines Fotos oder Videos, das das Opfer erniedrigt oder beschämt, digitaler Identitätsdiebstahl oder Hacking sind ebenfalls Formen des Cybermobbings. Dieses Phänomen betrifft vor allem Teenager, die in sozialen Netzwerken am stärksten präsent sind und sich nicht unbedingt der Auswirkungen bewusst sind, die eine Veröffentlichung haben kann. Cyberbullying kann bei den Opfern Nachwirkungen hinterlassen, die denen anderer Formen der Belästigung ähnlich sind: Angst, Traurigkeit, Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Verlust des Selbstvertrauens, Sozialphobie usw.

Mobbing: psychosoziale Mechanismen von  missbräuchlichen Beziehungen am Arbeitsplatz

Für die Prävention ist es notwendig, Mobbing nicht nur als eine rein individualistische Konstruktion der sozialen Beziehungen zwischen einem Opfer und einem/r Täter*in zu betrachten. Vielmehr geht es darum, das soziale Umfeld dieser beiden Figuren hervorzuheben. Dieses Umfeld entspricht einer kollektiven Dimension, die Teil von neuen Methoden des Managements ist. Wir müssen unsere Herangehensweise an Mobbing erweitern und Mobbing als Folge zunehmender Willkür oder Ächtung sowie als eine feindselige Ablehnung eines Mitglieds einer Gemeinschaft durch Gleichaltrige betrachten. Es muss im beruflichen Zusammenhang und im Kontext der gesamten Gesellschaft gesehen werden. 

Mobbing  am Arbeitsplatz: was das Gesetz dazu sagt

Wenn Sie das Erwachsenenalter erreicht haben, könnten Sie glauben, dass Sie Mobbing hinter sich gelassen haben, dass Sie andere Personen nicht mehr erniedrigen, wenn Sie erwachsen sind, wenn Sie reifer sind. Diese Realität ist utopisch. Das Arbeitsumfeld ist ein Ort erheblicher moralischer Belästigung, die die Karriere und das Leben des betroffenen Arbeitnehmers zerstören kann. In Artikel L1152-1 des französischen Arbeitsgesetzes heißt es: “Kein Arbeitnehmer darf wiederholt psychischen Belästigungen ausgesetzt werden, die eine Verschlechterung seiner Arbeitsbedingungen bezwecken oder bewirken, die seine Rechte und seine Würde verletzen, seine körperliche oder geistige Gesundheit beeinträchtigen oder seine berufliche Zukunft gefährden können”. Mobbing am Arbeitsplatz kann unterschiedliche Auswirkungen auf das Opfer haben. Es führt zu emotionaler Instabilität (Angst, Frustration, Verlust von Selbstwertgefühl, Ehrgeiz, und Motivation), körperlichen Gesundheitsproblemen (Müdigkeit, Schlafmangel), psychischen Gesundheitsproblemen (Depressionen, Sozialphobie, Selbstmord), Glaubwürdigkeitsverlust (Zerstörung von Ansehen und  Vertrauen) und sogar zum Verlust des Arbeitsplatzes (durch Kündigung oder Entlassung).

Mobbing stellt Gewalt dar und wird oft von einer Person oder einer Gruppe von Personen im Unternehmen ausgeübt. Mobbing wird häufig eingesetzt, um Mitarbeiter*innen zur Kündigung zu zwingen. Gemäß Artikel 222-33-2 des französischen Strafgesetzbuches “wird die Belästigung einer anderen Person durch wiederholte Worte oder Verhaltensweisen, die eine Herabwürdigung der Arbeitsbedingungen bezwecken oder bewirken und geeignet sind, ihre Rechte und Würde zu verletzen, ihre körperliche oder geistige Gesundheit zu verändern oder ihre berufliche Zukunft zu gefährden, mit zwei Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 30.000 Euro bestraft”. Auch die Internationale Arbeitsorganisation verurteilt die Belästigung am Arbeitsplatz in einer richtungsweisenden Konvention zur Beseitigung von Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt, die 2019 verabschiedet wurde:

“Im Sinne dieses Übereinkommens bezieht sich der Begriff “Gewalt und Belästigung” in der Arbeitswelt auf eine Bandbreite von inakzeptablen Verhaltensweisen und Praktiken oder deren Androhung, gleich ob es sich um ein einmaliges oder ein wiederholtes Vorkommnis handelt, die auf physischen, psychischen, sexuellen oder wirtschaftlichen Schaden abzielen, diesen zur Folge haben oder wahrscheinlich zur Folge haben, und umfasst auch geschlechtsspezifische Gewalt und Belästigung.”13

Belästigung am Arbeitsplatz wird also weithin verurteilt, auf staatlicher und sogar internationaler Ebene. Dieses Phänomen ist jedoch bei weitem keine Ausnahmeerscheinung.

Moralisches Mobbing: ein psychosozialer Mechanismus missbräuchlicher Beziehungen

Erstens ist es notwendig, Mobbing als einen Prozess zu sehen, der sich missbräuchlicher Beziehungsmechanismen bedient. Mobbing lässt sich durch drei grundlegende Aspekte charakterisieren: Ein erster Aspekt ist das, was der amerikanische Sozioökonom Albert Otto Hirschman “den Exit” nennt. In den Wirtschaftswissenschaften zeigt er, dass der Einzelne andere Wahlmöglichkeiten hat, wenn er mit einem Produkt unzufrieden ist. Die erste Wahl ist der Exit, eine stille Reaktion, wenn der Kunde einfach das Produkt wechselt14. In der Soziologie übersetzen wir dies in die Fähigkeit, die missbrauchende Beziehung zugunsten einer gesünderen Beziehung zu verlassen. Aufgrund der Machtverhältnisse und der damit verbundenen Abhängigkeit ist es für den Einzelnen jedoch sehr schwierig, aus der Beziehung auszusteigen oder sie anzufechten. Der zweite grundlegende Aspekt ist der Unglaube der Menschen um die gemobbte Person herum, die, anstatt das Leiden des Opfers anzuerkennen, in ihrem Verhalten nach den Ursachen der Missbrauchsbeziehung suchen. Im Kontext der Belästigung auf der Straße beispielsweise rechtfertigt die Entourage die Belästigung mit dem “unangemessenen” Aussehen des weiblichen Opfers. Der letzte Aspekt schließlich ist die Schuld, die das Opfer selbst empfindet. Studien haben gezeigt, dass viele traumatisierte Menschen sich selbst Vorwürfe machen und die Verantwortung für das übernehmen, was ihnen passiert ist. Diese drei Aspekte sind allen Formen moralischer Gewalt gemeinsam, aber um moralische Belästigung im spezifischen Kontext der Arbeit zu verstehen, müssen wir die Entwicklungen und Veränderungen im Berufsfeld berücksichtigen, die Mobbing fördern.

Mobbing, ein Symptom neuer Managementmethoden

Mobbing könnte also als ein Symptom dieser beträchtlichen Veränderungen in der Arbeitsorganisation angesehen werden. Bei den verschiedenen rechtlichen und psychologischen Ansätzen des Mobbings werden jedoch häufig solche kontextuelle Faktoren vernachlässigt. Diese Ansätze konzentrieren sich eher auf das so genannte “perverse” (abartige) Verhalten von Individuen oder auf die Konsequenzen, wie die Verletzung der Würde des Opfers, als auf das Verständnis der Prozesse, die diese missbräuchlichen Beziehungen geschaffen haben. Es besteht ein Paradox zwischen dem Auftauchen dieser Fragen des Mobbings und den Eigenschaften des neoliberalen Systems, in dem wir leben. Dieses System konzentriert sich auf in der Tat sehr utilitaristische Zwecke mit einer Suche nach materiellem Interesse unabhängig von dem zu zahlenden Preis, während die übermittelten Diskurse sich auf Begriffe wie Subjektivität, Diskurse über Motivation und soziale Beziehungen beziehen. Diesem materiellen Interesse steht eine Hypersensibilisierung der Individuen gegenüber, die auf verschiedene Faktoren zurückzuführen ist: die Psychologisierung der sozialen Beziehungen, die Entstehung der Figur des Opfers, aber auch das Aufkommen zahlreicher politischer Bestrebungen und die Bewegung der Anerkennung.

Wie sieht das im Kontext von Veränderungen in der Unternehmensführung aus? Es besteht eine große Spannung zwischen Autonomie und Heteronomie. Die neuen Managementmethoden wollen den Beschäftigten mehr Autonomie geben (flexiblere Arbeitszeiten, verschiedene Verträge, Entlohnung). Diese Autonomie ist jedoch in Wirklichkeit keine, weil sie Effizienzbeschränkungen, dem Druck, über die Erwartungen hinaus zu produzieren, sowie der Abhängigkeit von einem Arbeitsplatz unterliegt. Nach Boltanski und Chiapello neigen die neuen Arbeitsmobilisierungen dazu, die Selbstbeschränkung, das Empowerment und die Autonomie sowie die Mobilität der Arbeitnehmer zu begünstigen, die ein Hindernis für die Bildung von Kollektiven und die Solidarität zwischen den Arbeitnehmern bei der Arbeit darstellen, um eine größere Effizienz zu gewährleisten15.

Es gibt auch das Phänomen, dass Mitarbeiter zum Wohle des Unternehmens Opfer bringen. Das Führungssystem treibt den “Kampf um Positionen” durch eine Individualisierung von Karrieren und Belohnungen, die die Mitarbeiter dazu ermutigt, ihr eigenes Ideal der Exzellenz auf das Unternehmen zu übertragen, in seinen Paroxysmus. Auf diese Weise wird das Überleben des Unternehmens wichtiger als das ihrer Kollegen oder wichtiger als ihr eigenes Überleben. Mitarbeiter erklären sich bereit, missbräuchliche Beziehungen oder Verfolgung zu akzeptieren, solange sie dadurch im Unternehmen verbleiben. Der Streben nach Nutzen sowie die der Erhalt der Arbeit und den damit verbundenen Beziehungen haben dann Vorrang vor dem Überleben und der psychischen Gesundheit des Einzelnen.

Die Passivität der unmittelbaren Umgebung der belästigten Person sollte überdacht werden. Tatsächlich spielt die Umgebung, die bisher als ein kontextabhängiges Element von untergeordneter Bedeutung betrachtet wurde, eine wesentliche Rolle bei der Aufrechterhaltung von Schikanen. Ihre Passivität akzentuiert die Feindseligkeit und den Prozess der Entfremdung des Opfers, das sich in einer sozialen Leere befindet. Diese Passivität spiegelt jedoch auch eine Form der Akzeptanz und Komplizenschaft bei der Schikanierung wider, die es rechtfertigt, die Umgebung als integralen Bestandteil des Phänomens und nicht nur als eine Form der Gleichgültigkeit zu betrachten. Belästigung ist also nicht nur eine Beziehung zwischen dem Opfer und seinem Peiniger, sondern betrifft auch das Kollektiv16.

Sexuelle Belästigung: hetzen, um zu dominieren

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist sehr weit verbreitet. Sie bezieht sich auf die “wiederholte Auferlegung sexueller Bemerkungen oder Verhaltensweisen gegenüber einer Person, die entweder ihre Würde verletzen, weil sie sie erniedrigen oder eine einschüchternde, feindselige oder beleidigende Situation für sie schaffen17. Sexuelle Belästigung unterscheidet sich vom sexuellen Übergriff dadurch, dass sie keine körperliche Berührung beinhaltet18. Sexuelle Belästigung betrifft vor allem Frauen.

Die erste Studie über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erschien 1970 und zeigte, dass Frauen, die bei der Arbeit sexuell belästigt wurden, oft Sekretärinnen oder Assistentinnen von Männern waren, die hierarchisch über ihnen standen. Seit diesen frühen Zahlen haben Frauen jedoch Entscheidungs- und Führungspositionen eingenommen. Man könnte meinen, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz damit verschwinden würde. Eine in Dædalus19 veröffentlichte Umfrage zeigt uns jedoch eine ganz andere Realität. In den drei untersuchten Ländern Japan, Schweden und den Vereinigten Staaten ist die Wahrscheinlichkeit sexueller Belästigung von Frauen, die überwiegend männliche Angestellte beaufsichtigen, um 30% höher, als solcher, die Männern untergeben sind. In Japan ist klar, dass weibliche Führungskräfte Opfer der Eifersucht von Männern sind. In historisch männlich dominierten Unternehmen (Technologie, Bauwesen, Finanzen) werden weibliche Führungskräfte als Bedrohung der männlichen Identität angesehen. Männer schikanieren, um wieder an die Macht zu kommen. Im Allgemeinen sind die Ursachen für diese Belästigung oft der niedrigere Rang, in den Männer Frauen in der Gesellschaft einordnen. Noch immer klagen zu wenige Frauen gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, aus Angst, ihre Position zu verlieren.

Tatsächlich ist das Gesetz jedoch sehr genau und streng in der Frage der sexuellen Belästigung. Die Vereinten Nationen und die regionalen Vertragssysteme haben sexuelle Belästigung als eine Form der Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen anerkannt. Die Erklärung des Hohen Kommissar für Menschenrechte der UN (UNHCHR) über die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen definiert Gewalt gegen Frauen als “jede gegen Frauen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit gerichtete Gewalthandlung, durch die Frauen körperlicher, sexueller oder psychologischer Schaden oder Leid zugefügt wird oder zugefügt werden kann, einschließlich der Androhung derartiger Handlungen, der Nötigung und der willkürlichen Freiheitsberaubung, gleichviel ob im öffentlichen oder im privaten Bereich” (Artikel 1). Sexuelle Belästigung ist daher in dieser Definition enthalten. Die Erklärung ermutigt zur Entwicklung von straf-, zivil- und verwaltungsrechtlichen Sanktionen sowie von präventiven Ansätzen zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (Artikel 4 (d-f))20.)). Das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW)21 verpflichtet die Vertragsstaaten, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um diese Diskriminierung in allen Bereichen zu beseitigen (Artikel 7-16). Darüber hinaus wird in Absatz 178 (b) der Aktionsplattform von Peking22 anerkannt, dass sexuelle Belästigung eine Form der Gewalt gegen Frauen und eine Form der Diskriminierung ist, und es wird gefordert, dafür zu sorgen, dass die Regierungen Gesetze über sexuelle Belästigung verabschieden und durchsetzen und dass die Arbeitgeber Anti-Belästigungsstrategien und Präventionsstrategien entwickeln. Sexuelle Belästigung scheint daher eines der am stärksten regulierten Themen zu sein, wobei internationale Texte ein Beispiel für die Gesetze der verschiedenen Unterzeichnerstaaten geben. Es ist jedoch klar, dass Frauen immer noch überall Opfer solcher Schikanen sind.

Folgen des normativen Drucks : die neoliberale Entfremdung

Laut dem französischen Psychiater Olivier Labouret ist Neoliberalismus eine Konditionierung der Konformität und eine Massennormalopathie, die sich in einer Doppelzüngigkeit, einer ambivalenten Haltung der Individuen, äußert. Jeder tue so, als halte er sich an Kriterien und Normen, obwohl diese immer weniger gerecht und vernünftig sind, nur weil man sich unterordnen und anpassen muss.

Die neoliberale Propaganda

Wie schafft es das neoliberale System, Konformität durchzusetzen? Laut Naomi Klein, einer kanadisch-amerikanischen Essayistin, ist dies das Ergebnis der Strategie des psycho-ökonomischen Schocks. Diese Strategie besteht in der systematischen Anwendung von “kognitiv-verhaltensbezogenen Methoden der Unterwerfung”. Ein barbarischer Begriff, der positive und negative Verstärkungsmethoden zusammenfasst, die darauf ausgerichtet sind, das Verhalten der zu unterwerfenden Individuen zu beeinflussen. Diese Methode ist auch bekannt als Zuckerbrot und Peitsche.

Das “Zuckerbrot” entspricht der außergewöhnlichen Propaganda der Unterhaltung, des Konsums und der technisch-wissenschaftlichen Propaganda (Mythos von Fortschritt, Wachstum, Leistungssteigerung…). Diese Propaganda wird über Werbemarketing, Fernsehen, IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie), Videospiele usw. betrieben. Diese allgegenwärtige Werbung setzt die Normen der Gesellschaft. Sie basiert auf der Verehrung des Geldes, einem Versprechen von Glück und Besitz. In gewisser Weise erzwingt Marketing Konformität: Es zeigt die neuesten Trends auf, was zu tragen ist, wie es aussehen muss, um den Standards zu entsprechen. Werbung, Markenphänomene und sogar soziale Netzwerke haben einen enormen Einfluss auf Teenager-Normen. Die Tatsache, dass man nicht die gleiche Kleidung trägt oder nicht den Schönheitsstandards entspricht, führt zu Ausgrenzung und Mobbing in der Schule.

Der “Peitsche” entspricht einer Politik, die auf Angst, dem inneren Feind und dem Sündenbock basiert. Im Rahmen der missbräuchlichen Arbeitsbeziehungen impliziert die Methode des “Peitschens” eine beschleunigte soziale Zerstörung durch die allgemeine Prekarisierung der Arbeitsplätze und das Management durch Evaluierung, ein Schlüsselmodell der universellen kognitiven Verhaltenspsychologisierung neoliberaler Unterwerfung. Es gibt eine psychiatrische Abschreckung, die darauf abzielt, die Moral der Arbeitnehmer*innen zu stärken, und bei der jedes Versagen als «Depression» bezeichnet wird.

Sich unterwerfen, zurückstecken, sich wehren oder krank werden? 

In dieser vom Konformismus besessenen Gesellschaft hat der Einzelne nur wenige Alternativen und Verhaltensentscheidungen: Er kann sich unterwerfen, zurücktreten, krank werden oder Widerstand leisten. Werfen wir einen Blick auf die Kritik am Management durch Evaluation. Christophe Dejours, ein französischer Psychiater und Psychoanalytiker, erörtert die Angst vor Unsicherheit, die das Phänomen der “freiwilligen Scheuklappen” hervorruft. Mit anderen Worten, die Unterwerfung erscheint als eine taktische Entscheidung angesichts der Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Der Einzelne ist dann wieder bereit, missbräuchliche Beziehungen, einschließlich Belästigungen, zu akzeptieren, indem er sich der Konformität und den Normen unterwirft. Sich zu unterwerfen, wäre also die kranke Neo-Subjektivität des Neoliberalismus.

Was tun wir, wenn wir uns nicht unterwerfen? Einige desertieren, andere wehren sich, und wieder andere erkranken (Burn-out, Depressionen…). Es gibt eine Zunahme von beruflichen Selbstmorden, Abhängigkeiten oder Hyperaktivität. Diese utilitaristische Gesellschaft, die materielle Interessen verfolgt, bedingt einen “konformistischen und konsumorientierten Narzissmus”, der sofortige Befriedigung sucht. Es gibt eine Art Besessenheit von Wettbewerb und unmittelbarem Profit (wie wir es bei den neuen Managementmethoden mit dem “Kampf der Plätze” angesprochen haben). Depression und Verletzlichkeit werden negiert und zum Sündenbock gemacht. Die Instrumentalisierung anderer führt zur Anwendung neuer Formen der sozialen Kontrolle, die opportunistische Politiken der psychischen Gesundheit, eine Verhaltensideologie des Wettbewerbs oder einen Wettlauf um Leistung einschließen.

Es geht also nicht einfach darum, die Motivationen  der Menschen zu verstehen, die andere Personen wegen persönlicher Merkmale mobben, sondern darum, Mobbing als ein kollektives soziales Phänomen zu verstehen. Es geht darum zu verstehen, wie diese Mechanismen und Prozesse durch die Sozialisation von der Jugend an verinnerlicht und dann im Erwachsenenalter auf unterschiedliche Weise (moralische oder sexuelle Belästigung) reproduziert werden. Belästigung ist das Produkt eines exzessiven Konformismus und einer Besessenheit von Normen und Standards, die zu einer Ablehnung von Unterschieden führt23.

Mobbing auf der Straße: zwischen Verleugnung und Beschuldigung der Opfer 

Nun zur Belästigung auf der Straße. Sie unterscheidet sich von sexueller Belästigung, da sie schleichend erfolgt. Es geht nicht um einen Henker und sein Opfer, sondern um ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinzieht. Obwohl manche Frauen täglich Belästigungen erleben, handelt es sich dabei in der Regel nicht um den gleichen Täter. Das französische Recht verurteilt diese Form der Belästigung seit August 2018. Ein echter Fortschritt im Kampf gegen geschlechtsspezifische und sexuelle Gewalt: Zum ersten Mal werden diese unsichtbaren Angriffe verurteilt. Nach französischem Recht gilt: “Es stellt eine sexistische Beleidigung dar, einer Person Bemerkungen oder Verhaltensweisen mit sexueller oder sexistischer Konnotation aufzuzwingen, die entweder ihre Würde verletzen, weil sie erniedrigend oder beschämend sind, oder eine einschüchternde, feindselige oder beleidigende Situation gegen sie schaffen24. Das Gesetz spricht daher von “sexistischer Beleidigung”, denn, ja, es sind Frauen, die auf der Straße in überwältigender Mehrheit belästigt werden. Für einen geschlechtsspezifisch voreingenommenen Mann ist es manchmal schwer vorstellbar, dass dies so weit verbreitet ist. Welche Frau hat sich nicht schon einmal von einem Mann in ihrer Umgebung verleugnet gefühlt, der sich weigerte zu glauben, dass sie jeden Tag Kommentare, Pfeifen, Hupen oder sogar Beleidigungen auf der Straße erhalten könnte. In der Tat werden alle Frauen, unabhängig von ihrem Körperbau, ihrer Kleidung oder ihrer Haltung, angegriffen, und nein, diese Kommentare sind keine Komplimente, sie sollen erschrecken, destabilisieren, erniedrigen. Der Angreifer nimmt keine Rücksicht auf die Reaktion der Frau, an die er sich wendet. Manche Menschen verwechseln Flirten und Straßenschikane, nur beim Flirten wird Empfänglichkeit erwartet. Verabredungen sind ein Spiel der Verführung mit einem grundlegenden Element, das jeder Aggression entbehrt: der Zustimmung. Die Straße und der öffentliche Raum werden so zu einer bedrohlichen Umgebung für Frauen; sie müssen sich vor dem Ausgehen Fragen stellen, die sie nicht stellen sollten, über ihre Kleidung, das Verhalten, das sie annehmen sollten, die Straßen, die sie meiden sollten. Frankreich hat echte Fortschritte gemacht, indem es eine Strafe für solche Beleidigungen gesetzlich verankert hat. Die Täter riskieren bei erschwerenden Umständen eine Geldstrafe vierter Klasse von 750 Euro bis 1500 Euro25. Als zusätzliche Strafe kann die Teilnahme an einem Kurs zur Bekämpfung von Sexismus und zur Sensibilisierung für die Gleichstellung von Frauen und Männern durch den/die Richter*in angeordnet werden. Dieses Gesetz ist jedoch nach wie vor schwer durchzusetzen, und es fällt den Opfern nach wie vor schwer, gehört und ernst genommen zu werden. Es gibt immer mehr Bewegungen, um das Bewusstsein für das Ausmaß dieser Schikanen zu schärfen, den Angreifern die Schuld zu geben und den Opfern das Gefühl zu nehmen, schuldig und unsichtbar zu sein.

Wir alle werden unser ganzes Leben lang von dem beeinflusst, was um uns herum gesagt und getan wird. Die neoliberale Gesellschaft, in der wir leben, hat daher einen enormen Einfluss auf unser Verhalten. Wir integrieren ihre Codes und Standards. In der neoliberalen Gesellschaft, nach der Idee von Michel Foucault, erleben wir einen Aufstieg des «Homo Economicus», eines rationalen Individuums, das sich von seinen persönlichen Interessen leiten lässt, sich selbst zentriert, mit seinen eigenen Interessen auf den Markt tritt und alles tut, um diese zu befriedigen. In der neoliberalen Gesellschaft werden wir, nach Foucault, zum/r “Selbstunternehmer*in”26. Dies führt zu einem sehr harten Wettbewerb zwischen den Individuen, und dieser Wettbewerb, begleitet von Normen und Codes, führt zu Mobbing. Mobbing ist somit ein gesellschaftliches Phänomen, ein kollektives Phänomen. Es ist das Produkt dieses exzessiven Konformismus, der Besessenheit von Standards, die zur Ablehnung der Differenz führen. Es scheint daher von grundlegender Bedeutung, diese sozialen Normen zu dekonstruieren und zu verstehen, dass Unterschiede Reichtum sind.

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Den Artikel zitieren:

CHAPOT, M. FELTEN, L. (2020). Eine Mobbing Gesellschaft? Mobbing, ein internalisierter Mechanismus der neoliberalen Gesellschaft. Generation for Rights Over the World. growthinktank.org. [online] Nov. 2020.

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Translated by Eike Hinrichsen, Margarethe Hoberg & Naomi Ouattara

References
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2 UNICEF. (2019). Le harcèlement scolaire. Unicef.fr. [online] Available at: https://www.unicef.fr/sites/default/files/fiche_thematique-myunicef-le_harcelement_scolaire.pdf. [Accessed 23 Oct. 2020].
3 DURIF-VAREMBONT, J-P. MERCADER, P. LECHENET, A., & GARCIA, M-C. (2016). Mixité et violence ordinaire au collège et au lycée. Toulouse: Erès Editions.
4 Artikel 2 und 3 der Internationalen Kinderrechtskonvention.
5 Artikel 222-33-2-2 des französischen Strafgesetzbuches: “Die Belästigung einer Person durch wiederholte Worte oder Verhaltensweisen, die eine Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen bezwecken oder bewirken und zu einer Beeinträchtigung ihrer physischen oder psychischen Gesundheit führen, wird mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und einer Geldstrafe von 15.000 € geahndet, wenn diese Handlungen eine vollständige Arbeitsunfähigkeit von acht Tagen oder weniger verursacht oder zu keiner Arbeitsunfähigkeit geführt haben.
6 Idem.
7 In den Sozialwissenschaften ist die Fremdgruppe eine Gruppe an Individuen, die nicht zu der Gruppe gehören, von der die Rede ist.
8 BARRÈRE, A. (2013). École et adolescence: Une approche sociologique. Bruxelles : de Boeck.
9 DURIF-VAREMBONT, J-P. MERCADER, P. LECHENET, A., & GARCIA, M-C. (2016). Mixité et violence ordinaire au collège et au lycée. Toulouse : Erès Editions.
10 BARRÈRE, A. (2011). L’éducation buissonnière: quand les adolescents se forment par eux-mêmes. Paris: Armand Colin. [online] 30 nov. 2012. Available at: https://journals.openedition.org/rfp/3724 [Accessed 24 Oct. 2020].
11 GODENIR, N. (2019). De la socialisation des adolescents au harcèlement scolaire. [online] 16 oct. 2019. Available at: https://cutt.ly/dgJkm3b. [Accessed 2 Oct. 2020].
12 Artikel 222-33-2-2 des französischen Strafgesetzbuchs.
13 Erster Artikel des Übereinkommen über die Beseitigung von Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt, verabschiedet von der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf am 21. Juni 2019. https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/—ed_norm/—relconf/documents/meetingdocument/wcms_729964.pdf [Accessed 05. nov. 2020].
14 HIRSCHMAN, A. (1970). Exit, Voice, and Loyalty : Responses to Decline in Firms, Organizations, and States. Cambridge, MA, Harvard University Press. Available at: https://www.hup.harvard.edu/catalog.php?isbn=9780674276604 [Accessed 25 oct. 2020].
15 SANCHEZ-MAZAS, M. (2011). Enjeux éthiques et socialité au défi dans le phénomène du harcèlement psychologique. Éthique publique. [online] 10 mai 2011. vol. 11, n° 2 | 2009. p. 51-61. Available at: https://journals.openedition.org/ethiquepublique/103 [Accessed 24 oct. 2020].
16 SANCHEZ-MAZAS, M. (2011). Enjeux éthiques et socialité au défi dans le phénomène du harcèlement psychologique. Éthique publique.  [online] 10 mai 2011. vol. 11, n° 2 | 2009. p. 51-61. Available at: https://journals.openedition.org/ethiquepublique/103 [Accessed 24 oct. 2020].
17 Gesetz  Nr. 2012-954 vom 6. August 2012 über sexuelle Belästigung: “Die genannten Handlungen (…) werden mit zwei Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 30.000 Euro geahndet. (… ) Diese Strafen werden auf drei Jahre Freiheitsentzug und eine Geldstrafe von 45.000 Euro erhöht, wenn die Taten begangen werden: 1. Von einer Person, die die ihr durch ihre Stellung verliehene Autorität missbraucht; 2. Von einem Minderjährigen unter fünfzehn Jahren; 3. Von einer Person, deren besondere Schutzbedürftigkeit aufgrund von Alter, Krankheit, Gebrechen, physischer oder psychischer Behinderung oder Schwangerschaft dem Täter offensichtlich oder bekannt ist; 4. Von einer Person, deren besondere Schutzbedürftigkeit oder Abhängigkeit, die sich aus der prekären wirtschaftlichen oder sozialen Lage ergibt, dem Täter offensichtlich oder bekannt ist; 5. Von mehreren Personen, die als Täter oder Mittäter auftreten.”
18 Die fünf als “sexuell” betrachteten Körperteile sind Geschlechtsorgan, Gesäß, Brüste, Oberschenkel und Mund.
19 FOLKE, O. RICKNE, J. TANAKA, S. TATEISHI, Y. (2019.) Sexual Harassment of Women Leaders. Daedalus.
20 Im nationalen Straf-, Zivil-, Arbeits- und Verwaltungsrecht vorgesehene Sanktionen, um das Frauen durch Gewalttätigkeit zugefügte Unrecht zu bestrafen und wiedergutzumachen; Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, sollen Zugang zum Justizsystem erhalten, und die innerstaatlichen Rechtsvorschriften sollen gerechte und wirksame Abhilfemaßnahmen für den von den Frauen erlittenen Schaden vorsehen; die Staaten sollen außerdem die Frauen über ihr Recht aufklären, durch die Inanspruchnahme solcher Mechanismen eine Wiedergutmachung zu erhalten;” (artikel 4d) “umfassende Vorbeugungsmaßnahmen und alle sonstigen gesetzlichen, politischen, administrativen und kulturellen Maßnahmen ausarbeiten, die den Schutz der Frau gegen jede Form von Gewalt fördern, und sicherstellen, dass es nicht infolge von Rechtsvorschriften, die geschlechtsspezifische Erwägungen ausser acht lassen, bei der praktischen Anwendung oder im Zuge anderer Interventionen zu einer erneuten Viktimisierung der Frau kommt;” (Artikel 4(f
21 Artikel 1: “Im Sinne dieser Erklärung bedeutet der Ausdruck «Gewalt gegen Frauen» jede gegen Frauen auf Grund ihrer Geschlechtszugehörigkeit gerichtete Gewalthandlung, durch die Frauen körperlicher, sexueller oder psychologischer Schaden oder Leid zugefügt wird oder zugefügt werden kann, einschliesslich der Androhung derartiger Handlungen, der Nötigung und der willkürlichen Freiheitsberaubung, gleichviel ob im öffentlichen oder im privaten Bereich.”
22 “Regierungen, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Gewerkschaften und Frauenorganisationen sollten: Gesetze erlassen und durchsetzen und Vorschriften in Unternehmen einführen, die unter anderem Rechtsbehelfe und rechtliche Schritte vorsehen, um alle Formen direkter oder indirekter Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und des Ehe- oder Familienstands beim Zugang zur Beschäftigung, die Beschäftigungsbedingungen, einschließlich Ausbildung, Beförderung, Gesundheit und Sicherheit, sowie Entlassung, Sozialschutz und Rechtsschutz gegen sexuelle Belästigung und Rassendiskriminierung zu verbieten.”
23 LABOURET, O. (2013). Les mécanismes psycho-sociaux de l’aliénation néolibérale. Groupe Société-Culture. [online] 31 jan. 2013. Available at: https://blogs.attac.org/groupe-societe-cultures/articles-cultures-anthropologie/article/les-mecanismes-psycho-sociaux-de-l [Accessed 24 oct. 2020].
24 Artikel 621-1.-I. Gesetz Nr. 2018-703 vom 3. August 2018 zur Stärkung des Kampfes gegen sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt.
25 Machtmissbrauch von Autoritäten an unter 15-Minderjährige, Verletzlichkeit, bei Versammlungen, im öffentlichen Verkehr, aufgrund der sexuellen Orientierung.
26 FOUCAULT, M. EWALD, F. FONTANA, A. SENELLART, M. (2006). Naissance de la biopolitique : cours au Collège de France, 1978-1979. Éditions Gallimard and Éditions Du Seuil. Paris.

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