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Am 17. März, als das Reiseverbot eingeführt wurde, um die Covid-19-Krise einzudämmen, wurden die Obdachlosen von den von der französischen Regierung angekündigten Maßnahmen völlig außer Acht gelassen. Da sich die Arbeit gemeinnütziger Vereine durch die Pandemie erschwerte und Regierungsbeschlüsse zur Regelung der Situation der Obdachlosen ausblieben, war es für Obdachlose unmöglich sich wirksam gegen das Virus zu schützen. Dies verschlimmerte ihre bereits ohne Pandemie schwierige Lage.

Die COVID-19-Pandemie der letzten Monaten traf die ganze Welt. Besonders unerträglich war die Situation für einen bestimmten Teil der Bevölkerung : die Obdachlosen. Laut dem französischen Statistik Institut INSEE leben in Frankreich vier Millionen notdürftig untergebrachte Personen  (die in überbelegten oder heruntergekommenen Wohnungen oder in Notfallunterkünften übernachten)  und ca. 150 000 Obdachlose. Vereine wie die Abbé-Pierre-Stiftung schätzen die Zahl der Obdachlosen eher auf 250 000. Als der Lockdown in Frankreich am 17. März verkündet wurde, fanden Maßnahmen für Wohnsitzlose keine Erwähnung. Entgehen der anderen Franzosen und Französinnen können Obdachlose jedoch nicht Zuhause bleiben. Erneut waren es folglich die Vereine, die Maßnahmen ergreifen mussten, um den Vergessenen der Krise zu Hilfe zu kommen.

Der Lockdown und fehlende Schutzmaßnahmen für die Obdachlosen

In sehr kurzer Zeit hat der Lockdown den Alltag der Franzosen und Französinnen radikal verändert: um das Haus zu verlassen brauchte es eine Passierschein, vielerorts wurde eine Maskenpflicht eingeführt und weitere Hygienmaßnahmen waren zu beachten. Sich an diese neuen Vorsichtsmaßnahmen zu halten, war für Obdachlose unmöglich. „Wenn man kein Zuhause hat, kann man dort auch nicht bleiben!“ betonte der Präsident der Pariser Notrufdienst (SAMU), Alain Christnacht. Und wie sollen ohne finanzielle Mittel, Masken und Desinfektionsmittel gekauft werden? Wie soll sich über die Entwicklung der Krise, ohne Handy oder Internetzugang, auf dem Laufenden halten werden? 

Der Staat war leider nicht in der Lage, auf diese Fragen Antworten zu geben. Insbesondere ist es bedauerlich, dass die öffentlichen Dienste keine Verteilung der notwendigen Hygieneprodukte an die auf der Straße lebenden Menschen vorgenommen haben. Zwar hatte die Regierung in der Region Île-de-France vier “Drop-in-Zentren” eröffnet, um Obdachlose zu versorgen, die an COVID-19 erkrankt waren oder Symptome hatten, deren Gesundheitszustand jedoch keinen Krankenhausaufenthalt erforderte. Allerdings wurden außerhalb von Île-de-France keine ähnlichen Maßnahmen ergriffen. Einige wenige Turnhallen wurden von den Behörden freigehalten. Von ihnen konnten jedoch nur wenige tatsächlich für die Unterbringung von Menschen genutzt werden, da es an Personal mangelte. Was die Hotelzimmer betrifft, die, wie vom Ministerium für Wohnungswesen angekündigt, zur Verfügung gestellt werden sollten, so waren sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein: 200 in Paris und 600 im übrigen Frankreich. Diese wenigen Turnhallen und Räume boten nicht genügend Platz, um allen auf der Straße lebenden Menschen Schutz zu bieten.

Vereine forderten deshalb vom Staat, dass die Winterversorgung, in der zusätzliche Notunterkünfte geöffnet sind, um Obdachlose vor der Kälte zu schützen, bis zum 31. Mai verlängert würde. Obwohl dies ermöglichte die Notfallzentren zwei Monate länger geöffnet zu halten, waren sie immer noch überlaufen und ineffizient.  Denn es ist sehr schwierig, in Gemeinschaftsunterkünften den gebotenen Abstand zu halten. 

Die Vereine übernehmen

Da die Regierung nicht die erforderlichen Maßnahmen ergriff, reagierten viele Verbände, um die nötige Hilfe zu leisten.

Der Pariser Verein La Mie de Pain (Der Brotkrumen) führte regelmäßig serologische und virologische Testungen (PCR) durch. Dabei wurden elf positive Fälle unter den Obdachlosen festgestellt. Der Verein Dans Ma Rue (In meiner Straße) organisierte die Verteilung von wiederverwendbaren Wasserflaschen zum Trinken von öffentlichem Trinkwasser.

Leider gab es von den ersten Tagen der Eindämmung an eine starke Entwicklung zur Einstellung der größten Verbandsdienste. Trotz eines Erlasses des Innenministeriums, der die Aufrechterhaltung von Lebensmittelverteilungen und das Engagement für Wohltätigkeitsvereine als Begründung für Ausgangs-Bescheinigung genehmigte, mussten viele Vereine ihre Tätigkeit aus Mangel an verfügbarem Personal oder geeigneten Räumlichkeiten einstellen. Bruno Morel, Exekutivdirektor der Emmaus-Solidarität, fasste die Lage so zusammen: “Im Moment haben wir weniger ehrenamtliche Ärzte. Der Zugang von Obdachlosen zu Hygiene, zum Beispiel zur Behandlung hitzebedingter Hautkrankheiten, ist eingeschränkt”.

Einige Stellen der Restos du Coeur haben ihre Verteilung ausgesetzt, und viele Tageszentren waren nicht mehr in der Lage, bedürftige Menschen aufzunehmen. Ohne Lebensmittelverteilung, ohne Zugang zu Duschen und mit weniger Möglichkeiten zum Betteln, sahen sich die Obdachlosen schneller als sonst Hygieneproblemen und Unterernährung ausgesetzt. Florent Gueguen, Generaldirektor der Fédération des acteurs de la solidarité (FAS), einem Zusammenschluss von mehr als 800 Vereinen, die gegen Ausgrenzung kämpfen, betont: “Wir wissen, dass Obdachlose besonders anfällig für das Virus sind, weil es sich oft um ältere Menschen mit geschwächtem Immunsystem handelt. Außerdem werden die meisten derjenigen, die Symptome entwickeln werden, nicht den Automatismus haben die 15 zu wählen”.

Die Konsequenzen für die Obdachlosen

Noch schockierender ist die Tatsache, dass einige Obdachlose in Städten wie Paris, Lyon und Bayonne zu Geldstrafen verurteilt wurden, weil sie die Hygienebedingungen nicht eingehalten haben, wie die Samu Social gegenüber der französischen Presseagentur (AFP) beklagt. Es wirkt als täte die Regierungs alles, um den Alltag der Obdachlosen noch zu erschweren und als würde sie ihre besondere Situation nicht anerkennen.  

Um die Wirkung des Coronavirus an der wohnsitzlosen Bevölkerung zu untersuchen, führte die Brüsseler Universitätsklinik St-Pierre vom 3. März bis 26. Mai 2020 ein Forschungsprojekt durch. Sie verglichen die Krankenhausaufenthalte der wohnsitzlosen Patienten und anderen Patienten, die wegen oder mit Corona eingeliefert worden waren. Unter 238 Patienten, die wegen einer Lungenentzündung aufgrund von COVID-19 im Krankenhaus waren, wurden 14 Obdachlose identifiziert, was 5,88% der Gesamtzahl entspricht. Von diesen lebten nur drei in Notunterkünften.

Für den untersuchten Zeitraum und pro 100.000 Einwohner ergibt dies 650 Wohnsitzlose, die wegen COVID-19 in ein Krankenhaus eingeliefert wurden, gegenüber 194 Personen mit einer Wohnung. In Belgien ist die Quote der Krankenhausaufenthalt von Obdachlos damit  um ein Dreifaches höher als die der übrigen Bevölkerung.

Ähnliche Studien gibt es für Frankreich nicht. Solche nationalen Untersuchungen sind schwer durchzuführen,  da es wenige verfügbare Daten zur Zahl und den verschiedenen  Situationen der Obdachlosen gibt. Zweifellos kann jedoch festgestellt werden, dass Obdachlose durch COVID-19  überdurchschnittlich leiden, weshalb es notwendig ist, sie besonders zu schützen.

Diese Gesundheitskrise war daher besonders tödlich und schmerzhaft für die Obdachlosen und die Verbände, die ihnen helfen. Weit davon entfernt sie hinter uns gelassen zu haben, ergeben sich durch die sommerlichen Hitzewellen, die bereits unter normalen Umständen die Sterblichkeitsrate nach oben treiben, neue Schwierigkeiten. Beispielsweise ist es problematisch, die Temperatur in den Kindertagesstätten zu senken, da die Ventilatoren nicht eingeschaltet werden, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Da Europa und Frankreich über einen erneuten Anstieg der COVID-19 Fallzahlen am Ende der Sommerferien besorgt sind, ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Staat nicht die gleichen Fehler wiederholt und sich diesmal darauf vorbereitet, auch den Schutz der Schwächsten zu gewährleisten.

QUELLENVERZEICHNIS

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Um den Artikel zu zitieren:

LEE,  J. PAVARD, J. (2020) Das Zurücklassen der Obdachlose in Frankreich während der COVID-19 Krise. Generation for Rights Over the World. growthinkthank.org  [online] Sept. 2020.

©Photo by Matt Collamer on Unsplash

Translated by Eike Hinrichsen & Naomi Ouattara

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