Es gibt nur wenige Filme, die sich im richtigen Ton mit dem Thema Konversionstherapien befassen. The Miseducation of Cameron Post, oder Come as you are, ein 2018 veröffentlichter Film von Desiree Akhavan, tat dies jedoch. Die Geschichte führt uns in das Leben von Cameron, einem jungen lesbischen Mädchen, das in ein Bekehrungslager geschickt wurde, nachdem ihre Familie ihre Beziehung mit einem Mädchen entdeckt hatte. Vollständig in diese religiöse Struktur eingetaucht, erlaubt uns der Film ihre Funktionsweise zu verstehen, und uns bewusst zu machen, was den jungen Menschen zugefügt wird.

Konversionstherapien, die auch heute noch in vielen Ländern vorkommen, sind Praktiken, die darauf abzielen, jede Abweichung von Heteronormativität1 und Zisnormativität2 zu “heilen”. Sie machen Homosexualität oder Transidentität zu einer Schande, die junge Menschen loswerden müssen. Seit den 1970er Jahren3 werden Konversionstherapien in den Vereinigten Staaten von strengen religiösen Organisationen aufrechterhalten, dennoch sind sie in der breiten Öffentlichkeit noch wenig bekannt. Tatsächlich wird dieses Thema in der gesamten Kulturbranche immer noch recht selten behandelt.

Die iranisch-amerikanische Schriftstellerin und Produzentin Desiree Akhavan nutzte die Gelegenheit, über diese Praktiken zu sprechen und führte Regie bei der Verfilmung des 2012 erschienenen Buches The Miseducation of Cameron Post von Emily M. Danforth. Die Geschichte des Romans ist an die Geschichte von Zach Stark angelehnt, der 2005 in ein von Love In Action betriebenes Bekehrungslager geschickt wurde, nachdem er sich seinen Eltern gegenüber geoutet hatte. Der Film mit der Schauspielerin Chloë Grace Moretz in der Hauptrolle schildert die Erfahrung von Cameron, einem lesbischen Mädchen, das in ein Bekehrungslager namens “God’s Promise” geschickt wurde. Das Hauptmerkmal solcher Einrichtungen ist die Entschlossenheit, jungen Menschen Heterosexualität aufzuzwingen, wobei Homosexualität als ein Laster angesehen wird.

Eine Unterdrückung der Figur von der ersten Minute an

Die Geschichte spielt im Jahr 1993. Von Beginn an ist das soziale Umfeld Camerons deutlich spürbar. Das Christentum ist dort dominant, beinahe erdrückend:

Do you know what we’re trying to do every Sunday in church as adults? We’re trying to undo the things we did when we were your age. […] And you are at an age where you are especially vulnerable to evil.4

Diese Worte finden umso mehr Widerhall, als nach einigen Minuten Camerons Liebesbeziehung zu ihrer Freundin Coley enthüllt wird. Cameron mag Mädchen. Cameron ist eine Lesbe. Ein Wort, das im Film nie ausgesprochen werden wird. Im Verlauf des Films fühlt sie sich in vielen Situationen unterdrückt, insbesondere wenn sie vor ihrem Abschlussball von ihrer Tante geschminkt wird. Lippenstift, Wimperntusche, eine aufwendige Frisur, alles wird getan, um Cameron zu zeigen, dass “Weiblichkeit” bei einer Frau notwendig ist, denn das ist es, was die patriarchalische Gesellschaft von ihr verlangt.

Photo from the movie Come as you are by Desiree Akhavan (2018).

Die Entdeckung des Bekehrungslagers

Als Camerons Familie erfährt, dass sie eine Beziehung zu einem Mädchen hat, beschließt sie, sie in ein Bekehrungslager zu schicken. Auf den ersten Blick hört sich das gar nicht so schlecht an, denn die Umgebung ist ganz nett und ähnelt einem Sommercamp, aber es ist nur eine Fassade, um die Teenager zu beruhigen. Cameron merkt bald, dass dieser Ort nicht das ist, was er vorgibt zu sein, vor allem, als ihre Habseligkeiten durchsucht und einige ihrer persönlichen Gegenstände vom Lagerpfarrer Stan konfisziert werden. Er sagt, er sei von seiner Anziehungskraft zu Männer durch seine Schwester, die Lagerleiterin und Ärztin Lydia Marsh geheilt worden. Damals war es nicht ungewöhnlich, dass sich ein Manager einer solchen Organisation als “ehemaliger Homosexueller” bezeichnete und behauptete, durch intensive religiöse Praxis geheilt zu sein. Aber wenn man dieser Frau in einer Diskussion mit Cameron zuhört, wird klar, dass sie eine falsche Auffassung von Sexualität hat:

“You can call me Cam” 

– “Cameron is already a masculine name. To abbreviate as something even less feminine only exacerbates your gender confusion.”5

Sie setzt Homosexualität mit einer Art “Verwirrung” gleich. Geschlechtsidentität6 und sexuelle Orientierung sind jedoch zwei völlig unterschiedliche und unabhängige Dinge. Nur weil Cameron lesbisch ist und Leichtathletik macht, ein Sport, der laut Dr. Marsh Männern vorbehalten ist, bedeutet das nicht, dass sie sich nicht als Frau identifiziert. Während des gesamten Films wird Cameron an verschiedenen Therapieformen teilnehmen. Zunächst gibt es Einzelsitzungen mit dem Pfarrer und dem Arzt. Ihrer Meinung nach ist jede gleichgeschlechtliche Anziehung mit einem alten und verschütteten Trauma verbunden, das oft mit der Beziehung des Teenagers zu seinen Eltern zusammenhängt. Sie werden dann versuchen, das “Problem” zu finden und anzugehen. Dann gibt es die Gruppensitzungen, bei denen Cameron gezwungen ist, sich jemandem anzuvertrauen, dem sie sich nicht anvertrauen möchte. Die Jugendlichen stehen unter ständigem Druck: Sie müssen Uniformen tragen, nachts werden die Schlafsäle kontrolliert, usw.

Photo from the movie Come as you are by Desiree Akhavan (2018).

Innerhalb des Lagers werden die Worte “schwul”, “lesbisch” und “homosexuell” nie ausgesprochen. Der verwendete Begriff ist “same-sex attraction” und bedeutet soviel wie “gleichgeschlechtliche Anziehung”. Für sie existiert Homosexualität nicht, sie ist nur eine Abweichung, eine Sünde, eine Krankheit. Sie werden sogar so weit gehen, einen Vergleich mit Kannibalismus anzustellen: Cameron würde sich zu Coley hingezogen fühlen, weil sie sie bewundert und sich ihre Qualitäten aneignen will. Sie hätte “wie sie sein” und “mit ihr sein” verwechselt.

Cameron stellt dann fest, dass die meisten Teenager an die Wirksamkeit dieser Konversionstherapie glauben, bis sie Jane und Adam auf einer Wanderung kennen lernt. Sie waren die Einzigen, die erkannten, dass diese Praktiken wirkungslos und völlig absurd waren. Es gibt eine gewisse Anstrengung in der Vielfalt der Darstellung: Da ist zunächst Adam (Forrest Goodluck), amerikanischer Herkunft, der sich selbst als Winkte betrachtet, ein lakotanisches Wort, das zweigeistig bedeutet. Es handelt sich um ein drittes Geschlecht, das sich durch den gleichzeitigen Besitz einer weiblichen und einer männlichen Seele auszeichnet, wobei letztere allmählich vom weiblichen Teil verschlungen wird. Man könnte es als genderfluid (nicht-binär)7 bezeichnen, eine Geschlechtsidentität, die im Kino noch zu wenig vertreten ist. Jane ist eine queer8 Frau, die dikriminierte wird und behindert ist. Die Schauspielerin Sasha Lane, die diese Figur spielt, wurde als Tochter eines afroamerikanischen Vaters und einer neuseeländischen Mutter maorischer Abstammung geboren.

Ein ganz besonderer Symbolismus

Zwei Szenen des Films sind besonders auffällig und bestechen durch die Dichotomie ihrer Symbolik. Die Parallelität zwischen den beiden Sequenzen ist recht interessant. Die erste zeigt Cameron, Jane, Adam und andere Teenager bei der Zubereitung des Essens, als die Musik What’s Up by 4 Non Blondes im Radio gespielt wird. Man spürt ein Gefühl der Befreiung, als Cameron anfängt, zu diesen, ihre Gemütsverfassung widerspiegelnden bedeutungsvollen Versen zu singen und zu tanzen :

And I try, oh my God do I try

I try all the time, in this institution

And I pray, oh my God do I pray

I pray every single day

For a revolution

And so I cry sometimes

When I’m lying in bed

Just to get it all out

What’s in my head

And I, I am feeling a little peculiar

And so I wake in the morning

And I step outside

And I take a deep breath and I get real high

And I scream from the top of my lungs

“What’s going on?”

Photo from the movie Come as you are by Desiree Akhavan (2018).

Die zweite Szene, obwohl sehr anders, ist ebenso ergreifend. Cameron, die sich unter einem Schreibtisch versteckt, ruft ihre Tante an und bittet sie, wieder nach Hause gehen zu dürfen. Dieses Bild, das die psychologische Verfassung Camerons deutlich macht, zeigt ihr Unbehagen im Zusammenhang mit der Unterdrückung ihrer Sexualität. Gleichzeitig sagt ihr ihre Tante, homosexuell zu sein hieße, niemals Kinder zu haben, was ihrer Meinung nach das “Ziel” im Leben einer Frau sei.

Photo from the movie Come as you are by Desiree Akhavan (2018).

Die Gefahr solcher Praktiken an ihrem Höhepunkt

Zwar gibt es in diesem Lager keine physische Gewalt, doch die Gewalt, die diesen jungen Menschen angetan wird, ist psychologischer Natur. Die Erwachsenen hier nutzen ihre Überzeugungskraft und die Naivität dieser Teenager, um ihnen Selbsthass einzuflößen. Sie drängen sie dazu, sich selbst zu hassen und ihre Sexualität zu verleugnen. All dies führt zu einem entscheidenden Moment im Film: dem Selbstmordversuch eines der Jugendlichen. Traumatisiert, weil er von seiner Familie nicht akzeptiert wird, beschließt er, sich selbst zu verstümmeln. Es ist ein Punkt ohne Wiederkehr für Cameron, die sich der Gefährlichkeit dieses Lagers bewusst wird. Sie versteht, dass diese “Fachleute” nicht wissen, was sie tun. Ein Ermittler kommt herein, um die Situation zu untersuchen, und befragt Cameron. Dieser markante Dialog spricht für sich selbst:

– “I’m here to investigate the care that is given, not to investigate the mission of this facility, unless that includes abuse or neglect.” 

– “Yeah but what about emotional abuse ?” 

– “Are you saying you’re being emotionally abused by the staff here ?” 

– “How is programming people to hate themselves not emotional abuse ?”9

Fazit

Dieser Film veranschaulicht daher gut die Funktionsweise und die Lebensbedingungen in einem Konversionslager/Bekehrungslager. Es gibt eine genaue Darstellung der ständigen emotionalen Gewalt, die diese jungen Menschen zerstört. Ihnen wird ein traumatischer Selbsthass eingeflößt, der sie dazu bringt, sich selbst körperliche Gewalt anzutun oder sogar Selbstmord zu begehen. Wir müssen die Gefährlichkeit solcher Praktiken anprangern, wie sie auch heute noch allzu oft praktiziert werden. Genau das hat Desiree Akhavan getan, und deshalb wurde der Film auf dem Sundance-Filmfestival 2018 präsentiert, wo er den Großen Preis der Jury gewann. Die Wahl der Schauspieler*innen ist ebenfalls besonders gut gelungen, da Chloë Grace Moretz und Sasha Lane beide Teil der LGBTQIA+-Gemeinschaft sind. Einer der Kritikpunkte, die an dem Film geäußert werden können, ist, dass er in den 1990er spielt. Dies kann den Eindruck erwecken, solche Therapien seien nicht mehr aktuell, obwohl sie noch heute praktiziert werden. Abschließend kann man sagen, dass diese Ignoranz und dieser Hass, erklärt durch eine Fehlinterpretation religiöser Texte, das Leben einer ganzen Gemeinschaft und vor allem von LGBTQIA+-Jugendlichen bedroht.

“People were terrified to release a movie like Cameron Post [because it’s] centered around a young lesbian character who isn’t having wild throes of male-gaze lesbian sex”10

– Chloë Grace Moretz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Translated by Eike Hinrichsen and Naomi Ouattara.

References
1 Ein System das die Heterosexualität als natürliche, universelle und einzig legitime Norm darstellt. Es basiert auf einer dualen Geschlechtervorstellung und einer Komplementarität der sexuellen Bedürfnisse nach Mann und Frau.
2 Ein System, das das Zisgender-Sein (Personen, die sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren) als Norm nimmt.
3 CHIQUER, L. COTTAIS, C. KASANGA, DC. OUATTARA, N. PAVARD, J. (2020). Die “Konversionstherapien” weltweit: eine wenig bekannte Foltermethode. Generation for Rights Over the World. growthinktank.org. [online] Oct. 2020. Available at: https://www.growthinktank.org/de/die-konversionstherapien-weltweit-eine-wenig-bekannte-foltermethode/
4 ” Wisst ihr was wir jeden Sonntag als Erwachsene in der Kirche zu tun versuchen?  Wir versuchen die Dinge wieder gut zu machen, die wir getan haben, als wir in eurem Alter waren. […] Und ihr seid in einem Alter, in dem man besonders anfällig für den Teufel ist”.
5 – “Sie können ich Cam nennen” 

– “Cameron ist schon ein sehr maskuliner Name. Ihn in einen noch kürzeren Vornamen abzukürzen würde deine Geschlechterkonfusion nur noch verschlimmern.”

6 Die Geschlechtsidentität, die eine Person selbst empfindet. Diese kann sich von dem biologischen Geschlecht unterscheiden und ist nicht unbedingt binär Mann/Frau. Es handelt sich vielmehr um ein Spektrum.
7 Ein Oberbegriff, der alle Geschlechtsidentitäten umfasst, die nicht in das binären System von ausschließlich männlich oder ausschließlich weiblich passen.
8 Ein Oberbegriff, der Identitäten und Orientierungen umfasst, die von Zis- und Heteronormen abweichen.
9 – “ Ich  bin hier, um eure Behandlungsmethoden zu untersuchen, nicht um die Arbeit dieser Einrichtung zu hinterfragen, außer wenn es Misshandlungen oder Verwahrlosungen umfasst.”  

– “Okay, und was ist mit emotionalem Missbrauch?”

– “Behauptest du gerade, dass du von dem Personal hier emotional missbraucht wirst?”

– “Wie kann es kein Missbrauch sein, wenn man Menschen dazu bringt sich selbst zu hassen?”

10 Menschen waren entsetzt, dass ein Film wie Cameron Post veröffentlicht werden sollte, in dem es um ein lesbisches Mädchen geht, die nicht wilden male-gaze sex hat.” 

Der Male-Gaze (Männerblick) bezeichnet die Darstellung von Frauen in der bildenden Kunst und Literatur aus einem männlichen und heterosexuellen Blickwinkel, der Frauen als Sexualobjekte zum Vergnügen des männlichen Zuschauers präsentiert und darstellt.

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