Talkin’ Bout a Revolution (1988)

– Tracy Chapman –

Im Jahr 1988 brachte Tracy Chapman, eine Newcomerin in der amerikanischen Musikszene, “Talkin’ Bout a Revolution” heraus. In den 32 Jahre nach ihrer Ankunft im Rundfunk haben sich die darin vertretenen Ideen nie wirklich von der Realität entfernt und spiegeln auch heute noch die sozioökonomische Situation der großen Mehrheit der Bevölkerung wider – in den USA und weltweit.

Bevor jedoch näher auf die Botschaft des Liedes eingegangen werden kann, muss zunächst Tracy Chapman als Person vorgestellt werden. Die von Kritik manchmal als “schwarzer Dylan”1 bezeichnete Künstlerin wurde in einem benachteiligten Arbeiterviertel der Stadt Chicago geboren. Ihre Kindheit ist, wie die der Mehrheit der schwarzen amerikanischen Gemeinschaft, von armen Verhältnissen geprägt, die sich später in ihrer Musik wiederfinden werden. So baut sich Tracy Chapman bereits mit ihrem ersten Album (Tracy Chapman, 1988) – das den Titel “Talkin’ Bout a Revolution” enthält – eine musikalische Welt weit links im politischen Spektrum auf, indem sie Rassismus, die Situation der Frauen und Armut anprangert.

Dieses Engagement hält sie auch heute noch aufrecht, da die Situation sich bei weitem noch nicht gebessert hat, wenn sie sich nicht mit Blick auf die neusten Nachrichten aus dem Land von Onkel Sam vielleicht sogar verschlechtert hat. Zu hören waren inakzeptable Äußerungen ihres 45. Präsidenten über Frauen, Emigrant*innen und Behinderte, Nachrichten über die Black Lives Matters-Bewegung, die aus einer x-ten Polizeigewalt gegen einen amerikanischen Schwarzen, George Floyd, entstanden ist, oder Berichte über die Statistiken der Covid-19-Opfer, die größtenteils amerikanische Schwarze sind, die in den Vorstädten leben: Der Großteil der von Tracy Chapman angeprangerten Zustände besteht heute weiter. Ihr Song “Talkin’ Bout a Revolution” betont besonders die Reaktion des Volkes, das Aufbegehren gegen Ungleichheit, hier in Bezug auf die Armut. Reaktionen, die auch andere Themen betreffen können, wie z.B. die antirassistische Black Live Matter-Bewegung.

Bei der Hervorhebung von Tracy Chapmans Botschaft, möchte ich eines besonders unterstreichen: Wie können Lieder angesichts universeller und zeitloser Probleme wie der Armut, allgemeine Methoden aufzeigen, um erstere zu beenden? Es ist interessant zu sehen, dass das, was die Sängerin für vergangene Ereignisse ankündigte, auch für die heutige Welt gilt. Sie zeigt, wie die Menschen sich aus der Armut befreien, wie sie ihr Schicksal selbst bestimmen können (oder müssen), wenn die Ungleichheiten zu groß werden.

“Poor people gonna rise up”

In den Zeilen “While they’re standing in the welfare lines, Crying at the doorsteps of those armies of salvation, Wasting time in the unemployment lines, Sitting around waiting for a promotionstellt Tracy Chapman das liberale amerikanische Modell in Frage, das einen Teil der Bevölkerung im Elend zurücklässt. Zudem prangert sie das Versagen des Sozialstaatsprinzips an, das Solidarität und soziale Gerechtigkeit gewährleisten sollte. Tracy Chapman hat zwei Ziele. Zunächst will sie die Öffentlichkeit für die bestehenden Probleme sensibilisieren, um die Vorurteile der Oberschicht gegenüber der Unterschicht abzubauen. Ihr zweites Ziel baut auf dieser Wut schürenden Ungleichheit auf. Sie ruft die Unterdrückten auf, selbst etwas gegen ihre Lebensbedingungen zu unternehmen, die Dinge zu ergreifen, die ihnen niemand so geben wird. Sie ist der Ansicht, dass die Beseitigung der Armut nur dann erfolgen kann, wenn die Betroffenen selbst aktiv werden. Sie will den Menschen den Weg eröffnen, selbst Meister ihrer Schicksale zu werden, sich von ihren Fesseln zu befreien und ein besseres Leben zu führen. Sie will den neuen Generationen Hoffnung geben, ihnen klar machen, dass Veränderungen möglich sind.

Tracy Chapman war die Hoffnung und das Sprachroht einer ganzen Generation, die sich durch ihre Geburt in benachteiligten Kreisen verdammt fühlte. Für sie ist die Revolte mit dem Ziel des sozialen Wandels möglich: Man muss demonstrieren gehen, zeigen, dass man nicht alles mit sich machen lässt und  selbst über sein Leben bestimmen.

Eine universelle Botschaft, die sich nicht auf die amerikanische Situation beschränkt. Tatsächlich finden ihre Texte auf internationalen Ebene Anklang. Ihr Lied erreicht schnell die Top 40 in mehreren Ländern. Es wird sogar während des “Befreiungskonzerts” von Nelson Mandela am 11. Juni 1988 gespielt, als Symbol des Widerstands und der Verbesserung der Lebensbedingungen der schwarzen Gemeinschaft. Eine Veranstaltung, die in 67 Ländern ausgestrahlt wird.

“Finally the tables are starting to turn

Talkin’ bout a revolution

Ist es also wirklich erstaunlich, dass Tracy Chapmans Lied während des “Arabischen Frühlings” 2011 im Radio gespielt wurde? Rückblickend greift “Talkin’ Bout a Revolution” einige der Gründe auf, die zu den nachfolgenden Revolutionen in den Ländern Nordafrikas und der arabischen Halbinsel geführt haben. Eine Bevölkerung, die sich unter schwierigen Bedingungen entwickelt, neue Generationen, die ihr Verdruss zum Ausdruck bringen und sich eine andere, bessere Zukunft als die ihrer Eltern und Großeltern wünschen. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn “Talkin’ Bout a Revolution” zu diesem Zeitpunkt geschrieben worden wäre.

Das Lied wurde auch 2016 als inoffizielle Wahlkampfhymne des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Bernie Sanders — einem der politischen Gegner von Donald Trump — ausgewählt. Letzterer steht für all das, was Tracy Chapman ablehnt: überbordende Ungleichheiten, Rassismus, Verschlechterung der Lage der Frauen und vor allem eine Verarmung der unteren Bevölkerungsschichten. Eine Situation, die zu Protesten und Revolten zwischen zwei Seiten geführt hat: die ärmsten Bevölkerungsschichten, vor allem Schwarze, gegen die Oberschicht, vor allem Weiße, die den Rest der Bevölkerung verunglimpfen – all das, was Tracy Chapman bereits 1988 veranschaulicht. Die Wut, die sie zum Ausdruck brachte, wird von Gleichaltrigen heute weiterhin gespürt und ruft dieselben Reaktionen hervor wie früher.

So ist es der Afroamerikanerin gelungen, ein zeitloses Lied zu komponieren, das man hört und immer mit der derzeitigen Situation in Verbindung bringen kann. Ihre Texte und Botschaften, kommunizieren mit anderen Titeln des Albums wie “Mountains O’Things” oder “From My Lover”, die man unbedingt gehört haben sollte, um ihr gesamtes Talent und Engagement zu begreifen.

Translated by Margarethe Hoberg.

1 In Anspielung auf den berühmten und engagierten amerikanischen Sänger Bob Dylan.

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